Medien : Kritisch gesehen: Anstoß zum Lesen

Kerstin Decker

Bonhoeffer - Die letzte Stufe. ARD. Das ist das ganze Dilemma dieses Films. Er wirkt so moralisch, so bekenntnishaft. Und Bonhoeffer war vor allem eins nicht - im moralischen Sinne bekenntnishaft. Man glaubt, den Bonhoeffer zu verlieren, den man kennt. Und das trotz Ulrich Tukur, der mit seiner Sensibilität und Zurückhaltung wohl der einzige ist, der ihn spielen kann. Unscheinbarkeit als verborgene Stärke.

Trotzdem. Was fehlt in "Bonhoeffer - Die letzte Stufe", ist er selbst. Seine geistige Existenz. Hatte er denn - bei allem Anti-Hitler-Verschwörertum - wirklich eine andere? Wahrscheinlich würde unser Durchschnittsbewusstsein ihn gar nicht mehr verstehen. Nicht das Aristokratische in ihm, das tief Undemokratische auch, vielleicht nicht mal den Nerv seines Denkens. Wie bekomme ich einen gerechten Gott, hatte Luther gefragt. Bonhoeffers Frage lautete: Wie bekomme ich einen nietzsche-resistenten Gott? Bonhoeffer - und das macht ihn aus - brauchte eine ganze Theologie, um die Moral neu zu begründen. Nicht religiös. Aber mit Jesus Christus als Mitte. Was bleibt davon in diesem Film? Vielleicht der eine Satz: Dass es verwerflicher sei, böse zu sein als Böses zu tun. - Er wird zur Rechtfertigung seines Widerstands gegen Hitler sowie der eigenen, eigenwilligen Christenexistenz: der Theologe als politischer Verschwörer.

Am 9. April 1945 wird er im KZ Flossenbrück erhängt, zusammen mit Admiral Canaris. Nein, man kann kein Gefängnistagebuch verfilmen. Aber man könnte es jetzt wieder lesen. "Widerstand und Ergebung". Das wäre dann der dringend notwendige zweite, der unsichtbare Teil des Films von Eric Till.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben