KRITISCH gesehen : Der Mönch und der Markt

Barbara Sichtermann

Maybrit Illner. ZDF. „Live aus Berlin“, wie die Illner-Talkshow im Untertitel heißt, konnte man den für Donnerstag angekündigten prominenten Gast, den Dalai Lama, nicht erleben. Das Interview, circa eine Viertelstunde lang, wurde vorher aufgezeichnet und in eine ganz normale Illner-Runde zum Themenkreis China-Tibet-Olympia eingespielt. Auf den roten Sesseln hatten unter anderen Platz genommen: Schauspieler Hannes Jaenicke, der sich bei „International Campaign for Tibet“ engagiert, CDU-Geschäftsführer Norbert Röttgen und VW-Vorständler Martin Posth, China-Wirtschaftspionier der ersten Stunde. Dieser Mann sagte etwas sehr Wichtiges. Man habe hier in Deutschland und Europa lange, lange Zeit gehabt, sich zur Demokratie hochzuarbeiten. Das asiatische Land, so dynamisch es sich als Wirtschaftsmacht auch gibt, ist längst noch nicht so weit.

„Was macht das mit uns?“ fragte Illner, dass da eine Großmacht im Kommen sei, die enorme wirtschaftliche Wachstumsraten aufzuweisen hat, ohne dass dem Volk bürgerliche Freiheit gewährt würden? Wir glaubten doch immer, dass Diktaturen ihren repressiven Politikstil mit ökonomischer Stagnation bezahlen. Und nun stimmt das gar nicht, wie China zeigt. Müssen wir unsere Einschätzung, unseren Standpunkt ändern? Auf diese interessante Frage wusste niemand eine Antwort. Und so blieb sie im Raum hängen wie ein unsichtbares Menetekel.

Dass niemand, nicht mal die Moderatorin, auf die Ausführungen des Dalai Lama Bezug nehmen wollte, verwundert nicht. Wie dieser Mönch denkt und redet, das entstammt einer Welt, die hunderte von Jahren Zeit hatte, sich zu ihrer religiösen Weisheit hochzuarbeiten und in der unsere Sorgen um Wirtschaftsmacht und Diplomatie nur sehr vermittelt eine Rolle spielen. Allenfalls sein Schalk ließ den Lama als Angehörigen auch unserer profanen Welt erscheinen. Und dass Illner ihn mehrfach zum Lächeln brachte, spricht für ihre Kunst der Befragung.

Der Friedensnobelpreisträger ist ja nun so lange schon als Botschafter für Tibets kulturelle Autonomie unterwegs, er weiß, wie er sein Lied zu singen hat. Aber es gibt auch neue Strophen. So die Erdbebenkatastrophe in China, die er beklagte, so die jüngsten Aufstände in Tibet. Doch der Lama ist ein Mann der Harmonie, und so fehlen seinen Fernsehauftritten polemische Spitzen und kämpferische Attitüden.

Die versuchte Jaenicke nachzuliefern, indem er sich effektvoll über all die Kompromisse aufregte, die man mit China schließt, um nur ja diesen großen Markt bedienen zu dürfen. Röttgen sagte: „Ich bin für Wirtschaft“ und fügte hinzu, Wirtschaft sei für die Menschen da und ohne Menschenrechte ginge da gar nichts.

Übrigens: Der Dalai Lama will nicht als Feind Chinas gelten. Er ist ganz und gar gegen einen Olympia-Boykott. Das wäre „viel zu radikal“. Auf Illners Frage, ob er zur Olympia-Eröffnungsfeier ginge, wenn er eine Einladung bekäme, setzte er sein feinstes Lächeln auf. Wie auch die meisten Gäste in der Runde sah er in den Spielen eine Chance dafür, dass China sich öffnet. Und wenn es sich dabei blamiert, so mag er bei sich gedacht haben, umso besser. Barbara Sichtermann

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