Medien : Kritisch gesehen: Dicke, freche Lippe

Hans von Altona

Geld oder Liebe. ARD. Man kann es im Leben wirklich nicht allen recht machen. Und deshalb hat Jürgen von der Lippe auch alles richtig gemacht. Warum eigentlich nicht dem Intendanten des Senders, der ihn groß gemacht hat, noch einmal eins über die Rübe ziehen? Fritz Pleitgen, der Chef des WDR, "nach Diktat vergreist". Wunderbar, das hatte Klasse. Nur weiß man jetzt nicht, wer sich mehr freut: der WDR, dass er den Undankbaren los ist, oder Sat 1, dass sie endlich mal wieder einen haben, der sagt, was er denkt. Jedenfalls, wenn es ihn nichts mehr kostet. Aber immerhin.

Über Jürgen von der Lippe her zu ziehen, fällt auch beim besten Willen nicht leicht: "Geld oder Liebe" war nicht das schlechteste Abendprogramm der ARD. Gar nicht mal so unwitzig, was der Mann im bunten Hemd ablieferte. Ein bisschen peinlich war es natürlich schon, dass er in der letzten Sendung unbedingt mit seinem Freund, mit dem er die Sendung erfunden hat, und dessen Frau vor laufender Kamera anstoßen musste. Aber vielleicht war das auch nur eins dieser vielen feinst durchdachten Details seiner Abschiedssoiree, das den Pleitgens dieser Fernsehwelt bedeuten sollte, von der Lippe habe nichts dagegen, gut gefunden zu werden, aber ihn ziehen lassen - das gehöre nun mal streng bestraft. Sorry, Fritz. Es wird Menschen geben, die sagen werden, zwölf Jahre sind genug. Recht haben sie. Und auch wieder nicht. So sehr das Konzept an seine Grenzen gestoßen ist, weil offenbar nur noch Profis oder Halbprofis als Kandidaten zu finden waren, so sehr hat die ironische Art der Show etwas angenehm Unzeitgemäßes verliehen.

Lippe war Hänschen Rosenthals "Dalli Dalli" immer viel näher, als ihm das vermutlich je bewusst geworden ist - jedenfalls unendlich näher als allen Kai Pflaumes. Vielleicht hat er deshalb so gerne seine Scherze über Rosenthal gerissen. Vielleicht aber auch, weil der sich nicht mehr wehren konnte. Aber halt: das soll nicht heißen, von der Lippe sei ein feiger Hund.

Im Gegenteil. Nur haben sich die humoristischen Tabu-Verletzungen im Laufe der Jahre abgenutzt. Aber wo finden sie denn sonst noch statt im ersten Programm? Kann also durchaus sein, dass Jürgen von der Lippe alles richtig gemacht hat: zum richtigen Zeitpunkt aufgehört, zum richtigen Sender gewechselt. Rechtzeitig das Hemd gewechselt: Das, lieber Herr von der Lippe, war aber nun wirklich höchste Eisenbahn

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben