Medien : Kritisch gesehen: Eine Gute-Nacht-Geschichte

Uta-Maria Heim

Sophie - Sissis kleine Schwester. RTL. Wäre das Leben eine Seifenoper, hätte die Dramaturgie es leichter. Gewöhnlich tut sich aber zwischen der kruden Wirklichkeit und einem TV-Zweiteiler eine unüberbrückbare Kluft auf, und die schließt man am besten mit Märchenfragmenten aus dem reichen Schatz der Gebrüder Grimm. Die haben die Trash-Literatur sozusagen erfunden.

Im Zentrum dieser RTL-Eigenproduktion steht die Lebensgeschichte der bayerischen Prinzessin Sophie Charlotte, die ein Rekord-Budget von 15 Millionen Mark aus dem Schatten ihrer berühmten Schwester Sissi herausholt. Was von der historisch verbürgten Vorlage übrig bleibt, ist ungewiss. Darauf kommt es nicht an, denn hier muss eine spannende Geschichte erzählt werden. Was war, ist fürs Fernsehen uninteressant. Nur die Liebe zählt, auch dann, wenn sie so unglücklich, unerfüllt und kurz ist wie im Fall der Sophie.

Nicht nur die Opulenz der Bilder entspricht unserer naiv kindlichen Vorstellung von antiken Königshäusern in erhabener Landschaft. Auch der Handlungsaufbau funktioniert kindgerecht: Alles wird zu Ende geführt, keine Figur unterwegs vergessen. Nichts bleibt bloß angedeutet, alles ist klar verständlich. Es gibt nichts Störendes und nichts Befremdliches. Der Film wirkt wie tausendmal gesehen, so vertraut wie eine uralte Einschlafgeschichte.

Natalie Scharf schrieb das Drehbuch nach ihrem gleichnamigen Roman, Matthias Tiefenbacher führte Regie und besetzte trefflich. Valerie Koch gibt eine charismatische Prinzessin, Steffen Groth überzeugt als Geliebter, Marie Lou Sellem als Zofe und Daniela Ziegler als Mutter. Mit Tonio Arango erstrahlt Ludwig II. zu neuem Glanz, und man kann diesen Schauspielern wirklich nicht vorwerfen, dass die Story plump trivialen Mustern folgt. Deren eindimensionale Schlichtheit erinnert an eine Mischung zwischen aufklärerischen Defa-Märchenfilmen aus DDR-Zeiten und herzzerreißenden Historienschinken aus Hollywood. Vielleicht sind wir, was das Erfolgsziel der Macher angeht, inzwischen in einer globalen Wunschästhetik angekommen. Wer die Mehrheit des Zielpublikums hinter sich bringen will, arbeitet mit den immer gleichen Versatzstücken aus Kitsch, Volksweisheiten und Kindheitsmythen. Wenn das die Gebrüder Grimm wüssten.

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