Medien : Kritisch gesehen: Erstaunlich ehrgeizlos

Tom Peuckert

Gunboots und Filzpantoffeln. ARD. Vergessen wir Willy Loman. Arthur Millers legendärer Handlungsreisender entstammte einem anderen ökonomischen Klima. Oder war dieser chronische Loser nur eine überzogene dramatische Phantasie? Fahrende Handelsvertreter in Deutschland führen nämlich eine solide Mittelstands-Existenz. Sie reisen in neuen Mittelklassewagen zu ihren Kunden, nächtigen in ordentlichen Mittelklassehotels und bringen genügend Abschlüsse mit nach Hause, damit ein mittlerer Wohlstand dabei rausspringt.

Vier reisende Schuhvertreter hat Reiner Holzemer in seinem Dokumentarfilm porträtiert. Vier Männer zwischen Anfang 30 und Ende 70, die mit ihren Musterkoffern deutsche Schuhgeschäfte besuchen. Der eine bietet italienische Modeverrücktheiten feil, der andere teure Skischuhe. Der Senior reist mit Bequemlichkeitsschuhen aus Filz, in deren Sohlen eine Kräutermischung eingearbeitet ist. Eigentlich klingt das alles wie eine sehr schöne Filmidee. Umso erstaunlicher, wie ehrgeizlos Holzemers Film wirkt.

Vielleicht ist die Existenz der vier Männer gar nicht so konfliktarm und unspektakulär, vielleicht ist es nur ihr filmisches Porträt. Holzemer zeigt sie in langen, parallel montierten Szenen beim Handeln und Reisen. Ihre Selbstauskünfte bleiben knapp, vage, steif. Sie öffnen sich nicht für ihren Porträtisten. Wir erfahren viel über ihre Arbeitswelt, fast nichts über ihre Innenwelt. Sie alle erwähnen die "Freiheit" ihres Berufslebens, nicht einmal das ist Holzemer eine Nachfrage wert. Der Filmemacher hat keine Idee, keine Botschaft, keine Leidenschaft, die er seinem Publikum mitteilen will. Ein neutraler Beobachter. Da bleiben wir lieber bei den spannend erfundenen Geschichten. Es lebe Willy Loman.

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