KRITISCH gesehen : Gülcan & Greise

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Anne Will. ARD. Das Publikum des Ersten hat die 60 überschritten. Ein Seniorensender, nix dagegen, auch die älteren Mitbürger brauchen ihr Fernsehprogramm. Schwierig wird es, wenn die ARD auf Jugend machen will. Jugend findet im Ersten nicht statt. In ihrer Not castet die ARD bei der Kommerz-Konkurrenz: Pro-7-Matador Stefan Raab rettet mit Lena Liebling den „Eurovision Song Contest“, Viva-Strahlefrau Gülcan Kamps muss bei „Anne Will“ die deutsche Jugend vertreten. Genauer: die doofe deutsche Jugend, laut Talkthema „nicht ausbildungsfähig!“. Kamps eignet sich hervorragend zum Vorurteil: Sie kann sehr blond sein, ihre Moderationen ähneln Plappermäulchens Triumph. Aber sie ist wer, sie hat die Fernsehfrau Gülcan Kamps erfunden, sie hat den Draht ins junge Publikum. Sie ist ein Vorbild, sie steht dafür ein, dass vieles geht auf dem Lebensweg, nur eines geht nicht: aufgeben.

Hans-Olaf Henkel, Jahrgang 1940, kennt sie nicht, spricht sie mit „Frau Gülcan“ an. Henkel war vor Urzeiten IBM-Manager und BDI-Präsident. Seitdem hat er in öffentlich-rechtlichen Talkshows ein Plätzchen reserviert bekommen. Ein Experte qua Einladung, Henkel sieht – wie immer dort, wo er nicht war – – Defizite. 35 000 Bewerber für „DSDS“ bei RTL sind für ihn der Beleg des gesamtgesellschaftlichen Untergangs. Wolf Schneider, Jahrgang 1925, ist auch da; erkennbar soll der Journalistenschüler-Ausbilder mit Henkel die Walldorf & Stadler-Nummer abziehen, die Botschaft „Früher war alles besser“ ins einverständige ARD-Publikum tragen. Jugend braucht Druck – geht schon.

Uwe Hück, Deutschlands bekanntester Gesamtbetriebsratsvorsitzender, röhrt den übrigen Gästen die Ohren übervoll, aber er macht eine wesentliche Bemerkung: Heute ist alles anders, heute sind die Anforderungen im Beruf, in den Berufen deutlich höher. Aus den Anforderungen werden Überforderungen. Hück gibt die Jugend nicht verloren, der Porsche-Mann findet eine Ansprache, wo die Seniorenecke, unangenehm blasiert, das Klugscheißer-Klientel bedient.

Anne Will versucht nicht wirklich eine Moderation, mehr arrondiert sie die Lage als ernst, doch nicht hoffnungslos. Aber sie ist mutig mit dem Thema, nur darf es nicht bei der einen Sendung bleiben. Nachlegen, vertiefen – vergesst die Henkel-Männer, lasst tausend Gülcan Kamps ins ARD-Studio! Joachim Huber

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