Medien : Kritisch gesehen: "Insektenvernichtung" im Kalten Krieg

03.09.2001 00:00 UhrVon Stefan Reinecke

Der Fall Kissinger. WDR. "Sie haben ihn beseitigt wie ein Insekt, das einen belästigt. Aber dieses Insekt war mein Vater." Das sagt Renee Schneider jr., Sohn des chilenischen General Schneider, 1970 getötet im Auftrag der USA. Der Militär wollte nicht gegen den linken Präsidenten Allende putschen, deshalb sollte er entführt werden. Aus der Entführung wurde Mord. Waffen und Geld kamen von der CIA, bewilligt von Henry Kissinger.

So war es, und es war ein Verbrechen. Wilfried Huismanns Feature ist brillant, wenn es die Verantwortlichen zu Wort kommen lässt. Zum Beispiel Paul Wilmert, damals US-Militärattaché in Chile, der den Mördern das Geld brachte.

Alles war richtig, sagt Wilmert. Kein Hauch von Zweifel. Tausende, Zehntausende wurden 1973 getötet, nachdem Pinochet endlich getan hatte, was die USA wollten: putschen. Wilmert, ein freundlicher, alter Herr sagt: "Das war, wie wenn man Ameisen im Keller hat. Es reicht nicht, wenn man ein paar tötet, man muss alle töten." Er sagt das ruhig, fast freundlich, es ist das Echo auf Schneiders Anklage. Das ist die Sprache von faschistischen Technokraten, kalt, leidenschaftslos. Man hat nur getan, was zu tun war: Insekten vernichten. Nichts, was persönlich gemeint war.

Auch der US-General Alexander Haig findet, dass Entführung kein Verbrechen ist, es kommt drauf an, wer wen entführt. Haig ist, anders als Wilmert, nicht kalt, er hebt die Stimme, er brüllt fast, er kämpft um etwas. Alexander Haig möchte den Vietnamkrieg gewinnen, denn damals hat man vor den Kommunisten einfach kapituliert. Dabei wäre es so einfach gewesen zu siegen: "Mit Bomben". Noch mehr Bomben. Zwei Millionen tote Zivilisten gab es in Vietnam. Zu wenige, meint Haig.

Der Film stellt nicht die Frage, ob und wie Kissingers politische Verbrechen zu ahnden sind. Das ist eine komplizierte juristische Frage - an dessen Stelle erhebt der Film moralische Anklage. So verschwimmt der Unterschied zwischen Moral und Recht. Deshalb ist "Der Fall Kissinger" ungenau, schon im Titel.

Dafür zeigt Huismann die neurotische Logik des Kalten Krieges, das "Wir" gegen "die". Es ging um den Kampf zwischen Kommunismus und Demokratie, Diktatur und Freiheit, sagt Haig mit Pathos in der Stimme. Deshalb konnte man die Demokratie in Chile nur retten, in dem man sie vernichtete. Das ist die Rhetorik stalinistischer Schauprozesse, aus dem Mund eines früheren US-Außenministers.

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