KRITISCH gesehen : Lohnender als Bungee-Jumping

Richard Weber
Hoeneß-Freunde, Hoeneß-Feinde. Hans-Ulrich Jörges (links) und Norbert Walter-Borjans bei „Maybrit Illner“.
Hoeneß-Freunde, Hoeneß-Feinde. Hans-Ulrich Jörges (links) und Norbert Walter-Borjans bei „Maybrit Illner“.Screenshot: Tsp

Maybrit Illner. ZDF. Eine Sendung mit dem Alliterations-Gewitter-Titel „Helden, Hoeneß, Hass und Häme – Kennen wir keine Gnade mehr?“ lässt eigentlich nichts Gutes erwarten. Und tatsächlich kann Maybrit Illner nicht verhindern, dass am Anfang über Herrn Hoeneß und seine Seele küchenpsychologisiert wird. Hoeneß-Freunde wie „Stern“-Journalist Hans-Ulrich Jörges oder Ex-Bayern-Spieler Olaf Thon und Hoeneß-Feinde wie „Spiegel“-Reporter Juan Moreno und der nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans sehen in dem Clubpräsidenten und Würstchenproduzenten entweder einen getriebenen Glücksspieler, einen Gutmenschen mit Abgründen oder einen eitlen Besserwisser, der es nicht gelernt hat zu verlieren. Juan Moreno kennt sogar den wahren Grund für die ganzen Geldspielereien. Uli Hoeneß sei einfach unterfordert gewesen. Beim FC-Bayern war alles geregelt, deshalb brauchte er neue Herausforderungen. Millionenzockerei als andere, viel lohnendere Form des Bungee-Jumping? Warum nicht.

Dann wird auf der TV-Quatschbühne das zweite Kampffeld betreten – die schlimmen Schreiberlinge und ihre schlimmen Taten. Wenn die Moderatorin des Massenmediums Fernsehen über die Exzesse des Massenmediums Presse spricht, dann ist das schon ziemlich dreist und scheinheilig. Aber wenn Jörges mit dem heiligen Zorn einer Johanna der Edelfedern über herumlungernde Fotographen lamentiert, die vor dem Haus von Hoeneß ihr Quartier aufgeschlagen haben, um Uli auf dem Weg ins Gefängnis abzuschießen, dann ist das mehr als bigott. Nicht nur die böse „Bild“, sondern auch der gute „Stern“ würden nämlich für so ein Motiv eine ordentliche Stange Geld abdrücken.

In der nächsten Runde, bei der Internetbeschimpfung, geht es um verbales Mobbing. Früher war es der Stammtisch mit seinen alkoholseligen Plaudertaschen, jetzt sind es die sozialen Netzwerke mit ihren Dauer-Chattern. Der Unterschied ist, früher mussten sich höchstens Kellnerinnen oder Taxifahrer den Blödsinn anhören, heute erfährt es vielleicht die ganze Welt.

Es bleibt dem Psychologen und Theologen Manfred Lutz vorbehalten, die wirklich wichtigen Botschaften der Sendung zu verkünden. Es sind meistens die, die es mit ihren Handwerkerrechnungen oder Essensquittungen nicht so genau nehmen, die am lautesten über andere Steuerhinterzieher herziehen. Egal ob 50 Euro oder 28 Millionen Euro – von einem streng moralischen Standpunkt aus ist beides nicht erlaubt. Richard Weber

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