KRITISCH gesehen : Mit dem Presslufthammer

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Heftig diskutierten Frank Plasberg (re.) und CDU-Mann Wolfgang Bosbach. Foto: WDR
Heftig diskutierten Frank Plasberg (re.) und CDU-Mann Wolfgang Bosbach. Foto: WDRFoto: WDR/Oliver Ziebe

„Hart aber fair“.ARD. Nach zwanzig Minuten platzt Wilfried Scharnagl der Kragen. Was solle Guttenberg denn bitte noch machen? „Soll er sich erschießen?“, blaffte der ehemalige Chefredakteur des CSU-eigenen „Bayernkurier“. Zuvor hatte Michael Spreng, einst auf dem gleichen Posten bei der „Bild am Sonntag“ und früher als Stoiber-Berater tätig, den abgetretenen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg beschuldigt, das Fundament der CDU/CSU – das da wäre: Ehrlichkeit, Fleiß, Anstand – mit dem Presslufthammer bearbeitet zu haben.

Es ging hoch her in Frank Plasbergs Mittwochabendtalk. 3,80 Millionen Zuschauer verfolgten die Diskussion. Der Marktanteil von 17,1 Prozent ist der höchste Wert von „hart aber fair“ in diesem Jahr. Kein Wunder, schließlich wurde hier nicht die Zukunft und das Andenken von irgendwem verhandelt. „Deutschland hat Kopfweh“, begrüßte der Moderator das Publikum. Die Nation leide an „Guttenberg-Kater“. Nicht weniger als „eine Ausnahmeerscheinung“ habe da ihren Posten aufgegeben, eine „Lichtgestalt“ sei von uns gegangen. Es klang, als habe Jesus persönlich sein politisches Mandat verloren. Das Thema der Sendung lautete passenderweise: „Guttenberg, geht da ein Lügner oder ein Märtyrer?“. Um es gleich zu sagen: Eine wirkliche Antwort fand die Runde, in der noch der Moderator Johannes B. Kerner, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und der Vorsitzende des CDU-Innenausschusses Wolfgang Bosbach saßen, nicht – erhellend war die Debatte trotzdem. Entlarvte sie doch den von Regierung und Opposition geführten Streit über den ermogelten Doktortitel als primär parteipolitisch motivierte Prügelei.

Erst schalten Bosbach und Scharnagl die Bundesforschungsministerin Annette Schavan, mit ihrer öffentlichen Kritik an Guttenberg von der Parteilinie abgewichen zu sein. Dann erklärte Wowereit, würde nicht ein CSU- sondern SPD-Mitglied in der Kritik stehen, er würde ihm genauso zur Seite zu springen, wie Bosbach es bei Guttenberg gemacht habe. Der CDUler hatte sich zuvor alle Mühe gegeben, den fränkischen Freiherren als Opfer übertriebener journalistischer Jubelberichte – Kerners andernorts viel kritisierten Talk mit Guttenberg aus Afghanistan im vergangenen Dezember nahm die Runde davon natürlich aus – zu verteidigen. Deshalb steht in Bosbachs Augen auch einem baldigen politischen Comeback Guttenbergs nichts im Wege.

Glaubt man aktuellen, vom Institut Infratest dimap erhobenen Zahlen für die Sendung, sehen das erstaunliche 72 Prozent der Deutschen genauso. Erstaunlich, weil 60 Prozent derselben Befragten den Rücktritt vom Dienstag befürworten. Einen Tipp, wie der Wiedereinstieg gelingen könnte, übermittelte ein Zuschauer per E-Mail: die gewonnene Freizeit zum Schreiben einer neuen Dissertation nutzen, Doktor zurückholen, wieder antreten. Moritz Honert

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