KRITISCH gesehen : Nicht mehr Waldi – aber was?

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Vier Männer im „Club“. 1,89 Millionen Zuschauer sahen die Premiere. Foto: dapd Foto: dapd
Vier Männer im „Club“. 1,89 Millionen Zuschauer sahen die Premiere. Foto: dapdFoto: dapd

Sportschau-Club. ARD. Und das ist der Plan. Jeder „Sportschau“-Moderator, der bei einem vom Ersten übertragenen Länderspiel nicht mit Experte Mehmet Scholl die Partie analysiert, kommt danach beim „Sportschau-Club“ als Moderator zum Einsatz. Also sprach Gerhard Delling mit Scholl, und Matthias Opdenhövel gab den Late-Night-Talker.

Mehmet Scholl ist momentan der führende Fußball-Fernseh-Experte: furchtlos, präzise, einer, der auf dem Platz mehr sieht und erkennt als der Zuschauer, einer, der eine Sprache findet, fern von Plattitüde und Stanze. „Countertenor“ Delling muss da gar nicht viel tun, dem Scholl nur die richtigen Stichworte liefern. Die Expertise im Ersten ist Mehrwert. Dann sprechen noch Spieler, der Bundestrainer, Tabelle, die Spiele der anderen. Fertig. Es reicht. Eigentlich.

Aber der Ehrgeiz des Ersten ist nicht gestillt. Nach der lauten Trennung von Waldemar Hartmann ist „Waldis Club“ eingestellt worden. Oktoberfest, Herrenwitz, ein bisschen Sachverstand und ganz viel Matze Knop. Ein Format nach dem Motto: Je später der Abend, desto flüssiger das Niveau. Aber Hartmann war schlau. Nach mehr als drei Stunden Länderspiel-Fixierung war die Show nicht darauf angelegt, nochmals 30 verwechselbare Minuten dranzuhängen. Wer „Waldis Club“ sah, der wusste, was er tat, er bekam, was er wollte: ein sehr spätes Stadion-Bier.

Der „Sportschau-Club“ will sich ganz weit vom Vorgänger absetzen. Ernste Männer sollen ein ernstes Gespräch über eine ernste Sache führen. Moderator Opdenhövel vergaß in der gläsernen Studiobox in Wien fast sein Dauerlächeln, DFB-Teammanager Oliver Bierhoff, Franz Wohlfahrt, früher Bundesligaspieler und heute ÖFB-Torwarttrainer, und Red-Bull-Manager Ralf Rangnick schauten seriös. Opdenhövel sagte, „wir machen nicht die Analyse der Analyse“. Was kam? Genau. Noch mehr Expertise, noch mehr Bundestrainertum, die Scholl-Rolle verteilt auf noch mehr Scholls.

Der „Sportschau-Club“ hat keine Idee außer der strengen Maxime, auf keinen Fall an „Waldis Club“ zu erinnern. Die Sendung will was Besseres – sie will fein sein. Eine Honoratiorenrunde, bei der die schlaueren Männer des Fußballs im „kleinen Schwarzen“ Einschätzungen, Anekdoten und Worte wie „Aufmerksamkeitsmangel“ unfallfrei mischen. Echo des Abendspiels, Echo der EM 2012 – zum „x-ten Mal“, wie Bierhoff zu Recht beklagte. Der Auftakt des „Sportschau-Clubs“ war harmlos, ermüdend, ein Potpourri von Themen, Thesen, Tremolo. In dieser Verfassung ist das Format eine Verschwendung von Zeit und Geld und eine Frechheit der nachfolgenden Talkshow „Menschen bei Maischberger“ gegenüber. Da sollten sich um Mitternacht, nach fast vier Fußball-Stunden, dicke und weniger dicke Menschen übers Dicksein austauschen. Wie absurd kann Programmplanung sein?

Die neuen „Club“-Betreiber müssen noch einmal in sich gehen. Wäre es falsch, wenn das Format die Chance einer riesigen Länderspiel-Zuschauerquote nutzen würde, um statt der Luxusprobleme der Nationalelf die wahren Bedrohungen des Profisports zu diskutieren? Die ausufernde Fangewalt ist ein drängendes Thema. Moderator Opdenhövel kann das. Das wäre nicht schick, nicht WM-tauglich – es wäre notwendig. Joachim Huber

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