Medien : Kritisch gesehen: Ostalgie in Sülze

Michael Burucker

Tatort: Totenmesse. ARD. Auch zwölf Jahre nach der Wende scheinen die Kommissare Ehrlicher (Peter Sodann) und Kain (Bernd M. Lade) und ihre Kollegen gleichsam beleidigt ob der regierenden Marktwirtschaft durch ihre sächsische Heimat zu streifen. Da erregt bereits der Kaschmirpullover des Mordopfers Unverständnis: "Unsereins fühlt sich schon in einem Anzug für 500 Mark wie Onassis", monierte der missgelaunte Spurensicherer.

Wem, wie Ehrlicher, ein Croissant noch immer als exotisches Mysterium gilt, dem bleibt nur die Flucht in die Erinnerung. Ausgerechnet dem West-Manager im Maßanzug schwärmte der Kommissar von seinen Vopo-Einsätzen auf der "Leipziger Messe" vor. "Bratkartoffeln mit Sülze" gab es bei der "Schlummermutter", und danach "Wodka aus Wassergläsern. Es waren West-Autoren (Andreas Pflüger, Pim Richter), die Ehrlicher die Ostalgie-Töne in den Mund legten und mit der Geschichte um ein mörderisches Intrigenspiel unter Managern eine Messe für den ehrlichen, kleinen Mann feierten, der im Bratkartoffel-Verhältnis noch wahre Freundschaft erfährt. In der Welt des großen Geldes scheint sie nur noch ein Wort zu sein: Während Baulöwe Freyberg (Hans Peter Hallwachs) von väterlicher Sorge um seinen Kollegen Hagen getrieben schien, wetzte er hinterrücks die Messer. Ehrlicher kämpfte mit dem ehrgeizigen Finsterling und schien doch den Glauben an die Läuterungsbereitschaft des Kapitalismus nicht verloren zu haben. Dafür sprach sein Schluss-Appell an Architekten, dem der Umbau der Leipziger Messe oblag: "Bauen sie was Ordentliches, ich liebe nämlich diese Stadt!"

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