KRITISCH gesehen : Rakers, die 58.

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3 nach 9. NDR/RBB. Man fragt sich ja, wie das klappen soll, wenn lauter grundverschiedene Leute im Wege des Personality-Talks gemeinsam eine Sendung stemmen sollen. Und dann noch live. Aber es gibt keinen Trick. Es klappt eben meistens. „3 nach 9“ hat da eine Tradition gestiftet, es ist die des klassischen Salons. Man würfelt die Leute zusammen und lässt die Kamera laufen. Die Gastgeber besorgen den Rest.

Als Zuschauer ist man dankbar, wenn nicht allzu viele „Fernsehnasen“ dabeisitzen, weil dann die Selbstrefenzialität irgendwie wehtut. Am Freitag kam nur Hannelore Elsner aus dem Inner Circle, Ulrich Tukur und Moritz Bleibtreu sind zwar auch Schauspieler, aber mehr in der Kinowelt unterwegs. Die Geigerin Julia Fischer war etwas Besonderes, vor allem, als sie die 13. Caprice von Teufelsgeiger Paganini spielte. Auch Kinderbuch-Verleger Wolfgang Hölker, Patenonkel des Hasen Felix, hörte man gerne zu, wie er seinen Werdegang als „die klassische Karriere eines Nichtskönners“ beschrieb. Und dann saß da Thilo Bode von „foodwatch“, „Robin Hood der verunsicherten Esser“, der den „goldenen Windbeutel für die dreisteste Verbrauchertäuschung“ vergibt. Tukur, der in Venedig lebt, kommt eigentlich von der Musik her, Bleibtreu gibt es neuerdings als Wachsfigur, er steht im Kabinett neben Johnny Depp. Und Elsner ist Schirmherrin eines Vereins, der Kindern in Not hilft. Die Menschen sind vielseitig, und diesen Umstand in Szene zu setzen, ist Aufgabe des Moderatoren-Duos. Elsner zum Beispiel war lange Zeit Talkshow-scheu. Wer hätte das gedacht.

Für „Miss Tagesschau“ Judith Rakers war es der Einstand. Sie machte das so, als wäre es etwa ihre 58. Sendung. Total professionell, lässig, fast eine Spur zu routiniert, als hätte sie das Beste schon hinter sich. Man vermisste eine leichte Nervosität oder einen kleinen Patzer ... na gut, dann nicht. Co-Moderator Giovanni di Lorenzo verbreitet dieses abgeklärte Fluidum schon länger; große Charmeoffensiven soll man von ihm nicht erwarten. Natürlich ist er bestens präpariert und zuvorkommend, aber er schießt auch gern mal eine fiese Frage ab – wie die an Julia Fischer, ob es richtig sei, dass sie zu fünf Prozent Abiturienten zurück wolle. „Wo ham Sie das denn her?“, fragte die Musikerin erschrocken. Aber es stimmte.

Ehrengast war „Tiger“ Tom Jones, und die Verehrung, die ihm, da er nun alt ist und stimmlich immer noch auf dem Posten, entgegenschlug, zerstörte die Intimität der Runde. Sie erzeugte eine gewisse Verlegenheit, die der Tiger durch seinen Kracher „Burning Hell“ wieder auflöste. Ein Showman wie er, so die Message seines Auftritts, passt überallhin, auch in eine Bremer Late Night. Und fürwahr, alles passte. Wie Herr Hölker sagte: Man muss Leute treffen. „Und etwas mit ihnen machen.“ Barbara Sichtermann

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