KRITISCH gesehen : Sarrazin und die Freude der Schüler

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„Klipp und klar: Kampf im Klassenzimmer – Kuscheln oder klare Kante“, „Menschen bei Maischberger: Dichter, Denker, Dumpfbacken: Deutschland setzen, 6!" – RBB, ARD. Gleich zwei öffentlich-rechtliche Sender widmeten sich am Dienstag der sogenannten zweiten Sarrazindebatte. Und waren damit mittendrin im Schlamassel – nämlich der Erklärungsnot, worum es bei dieser Debatte überhaupt geht: Um angeblich gesunkene Anforderungen in der Schule? Um Erziehungsstile? Oder doch vor allem um die Frage, ob Ursula Sarrazin eine gute Lehrerin ist.

Zuerst war der RBB dran. „Klipp und klar“-Moderator Justus Kliss diskutierte mit Berlins ehemaliger Schulsenatorin Ingrid Stahmer, Historiker Arnulf Baring, Josef Kraus vom deutschen Lehrerverband sowie mit einer alleinerziehenden Mutter und einem Sozialarbeiter über verschiedene Erziehungsstile. Wenig überraschend, dass Stahmer und der Sozialarbeiter mehr Respekt für die Kinder einforderten, Kraus sich mehr Lehrer wünschte, und die Mutter bedauerte, dass der Reformstress an die Kinder weitergegeben werde. Nur Baring sorgte kurz für Irritation, als er ungefragt zum Besten gab, dass Ursula Sarrazin „im Grunde nichts getan hat, was kritikwürdig ist“. Woher er das weiß, blieb sein Geheimnis – und wurde auch nicht hinterfragt.

Zu sehen war die Frau des „Deutschland schafft sich ab“-Autoren Thilo Sarrazin bei „Menschen bei Maischberger“ in der ARD. So nett die Idee war, die Moderatoren Jörg Pilawa und Ranga Yogeshwar, „Wer wird Millionär?“-Gewinner Eckhard Freise und Ex-„Germany’s Next Top Model“-Teilnehmerin Gina-Lisa Lohfink auf alte Ratespielfragen von Fernsehlegende Heinz Maegerlein antworten zu lassen – Erhellendes zu der Frage, ob wir heute tatsächlich weniger wissen als früher, kam dabei nicht heraus. Zudem dauerte das Wissensquiz so lange, dass sich „Deutschlands berühmtester Schulleiter-Punk“ Matthias Isecke-Vogelsang zu Wort meldete und fragte, ob er und Frau Sarrazin denn auch noch drankämen.

Fast die Hälfte der Sendung war vorbei, als Sarrazin endlich beantworten durfte, ob sie Kinder tatsächlich demütige oder nur das Opfer einer Mobbingkampagne sei. Erst gerade wieder hätten ihr Schüler gesagt, dass sie „doch gar nicht so streng“ sei, sagte sie. Sie wisse nicht, wie der Landeselternsprecher auf seine kritischen Bemerkungen komme. Die Kritik der Eltern sei doch „dokumentiert“, hielt Sandra Maischberger dagegen, was Ursula Sarrazin in gewohnter Manier mit der Bemerkung konterte, sie kenne „nur anonyme“ Beschuldigungen.

Was sie denn tue, „wenn ein Kind bockt“, wollte Maischberger dann noch von ihr wissen. Notfalls schicke sie es auf den Flur oder in die Nachbarklasse, sagte Sarrazin. Ein einzelnes Kind anzuschreien, käme ihr „nicht in den Sinn“. Außerdem solle das Lernen keinen Spaß, sondern Freude machen.

Erst als Ranga Yogeshwar einwarf, Schule dürfe „nicht ein Ort der Verletzung“ werden, und Gina-Lisa Lohfink mit entwaffnender Klarheit formulierte: „Wir waren besser, wenn wir unsere Lehrer gemocht haben“, bekamen die Zuschauer eine Ahnung davon, worum es den Eltern geht, die gegen die Frau von Thilo Sarrazin aufbegehrt haben oder noch aufbegehren. Susanne Vieth-Entus

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