Medien : Kritisch gesehen: Schule des Sehens

Mechthild Zschau

Gebrochene Glut. ZDF. Hans-Dieter Grabe, der große Dokumentarfilmer des ZDF, besucht Jürgen Böttcher, seinen Kumpel aus der Studienzeit in Potsdam-Babelsberg. Grabe lässt ihn einfach reden. Erzählen. Reflektieren über Kunst, übers Leben. Die Gedanken hopsen, die Sätze brechen ab, Gesten ersetzen den Rest. Ruhig schaut die Kamera dem Maler, der sich Strawalde nennt, zu. Keine Frage unterbricht den Redestrom des begnadeten Selbstdarstellers. Und schon findet sich der Zuschauer selbst in der Position Grabes, des stummen Zuhörers wieder und fühlt sich darin wohl: Ungestört kann er sich seine Meinung bilden über diesen Mann, der nicht mehr preisgibt, als er will. Böttcher zeigt Fundstücke von der Straße, eine plattgefahrene Coladose - ist das nicht eine Skulptur? Holt eine vertrocknete Blume, legt sie dazu - schau, wie sie anfangen, sich zu unterhalten. Grabe sagt, Böttcher habe ihn sehen gelehrt, und diese Schule verpasst er nun uns, seinem Publikum.

Zwischendurch blitzen Ausschnitte aus jenen Dokumentarfilmen auf, die Böttcher einst für die DEFA machte - harte, schonungslose Realität, der vollkommene Gegensatz zu den wilden abstrakten Gemälden. Grabe zeigt sie, als sie für eine Ausstellung abgeholt werden. Von fern schweben sie wie choreographiert heran, dicht an der Kamera vorbei, ehe sie im Auto landen. Aus dem Ganzen lösen sich die Details. Kein Zoom, keine Schwenks, kein Bevormunden des Blicks. Was ist ein Künstler, scheint Grabe still zu fragen, wie sieht so ein Mensch die Welt und sich darin. Unwichtig die biografischen Details, unwichtig das Verhältnis zum SED-Regime. Die Person bewahrt ihr Geheimnis.

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