Medien : Kritisch gesehen: Unter Männern

Jörn Wöbse

Beckmann. ARD. Wie schön, dass es das noch gibt: das klassische Männergespräch. Da sitzen sie zu zweit am klobigen Küchentisch beim Wein und können endlich einmal in aller Ruhe durchhecheln, was in den letzten paar Jahren so gelaufen ist. Becker und Beckmann, oder vielmehr der Boris und der Reinhold. Man kennt sich, klar, man duzt sich, man ist sich zugetan. "Du siehst gut aus", lobt Beckmann den alten Kumpel und gibt in den folgenden 70 Minuten den verständnisvollen großen Bruder, dem man nur allzu gern sein Herz ausschütten möchte. Er fragt intelligent, präzise und im Rahmen seiner Möglichkeiten auch kritisch, und Becker gibt sich redlich Mühe, das durchwegs hohe Niveau mitzugehen.

Natürlich erfahren wir nichts wirklich Neues, das Alte aber wird in appetitlichen Häppchen serviert: Ja, Boris ist ein deutscher Patriot, ja, Boris ist ein Freund der Frauen - auch blonder (Zoe Appleyard!). Boris ist weder ein Sex-Maniac noch Gigant, er liebt seine Kinder und vermisst seinen 1999 verstorbenen Vater. An dieser Stelle verführt Beckmann mit bemerkenswerter Dezenz; er lässt den sichtlich emotional berührten Becker in Ruhe. Vorteil Reinhold.

Nach und nach entsteht tatsächlich so etwas wie ein Portrait des 17-jährigsten Leimeners aller Zeiten, eines in Maßen egozentrischen, eines unruhigen, eines wohl auch zerrissenen, eines alles in allem aber doch ziemlich normalen Menschen, der allerdings außergewöhnlich gut Tennis spielen konnte. Ganz zum Schluß eine hübsche Reminiszenz: Becker und Beckmann im Gespräch 1995 - seit damals haben sie die Frisuren getauscht. Das Ergebnis ist ganz deutlich: Vorteil Boris.

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