KRITISCH GESEHEN : Waldorf, Statler, Wahnsinn

Günther Jauch, Frank Schirrmacher und Jan Josef Liefers waren zu Gast bei "Beckmann".

Matthias Kalle
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Günther Jauch.Foto: ddp

Beckmann, Montag, ARD, 22 Uhr 45. Kerner geht, Beckmann bleibt – so war das am Montagabend, als Sat 1 die neue Sendung von Johannes B. Kerner nicht mehr zeigte (die kommt jetzt am Donnerstag), und die ARD weiter in Treue fest zu Reinhold Beckmann und dessen Talkshow steht. Von Beckmanns Qualitäten als Moderator kann man halten, was man will – seine Gäste aber präsentieren regelmäßig Spitzenleistungen, vor einer Woche erst Sigmar Gabriel, jetzt Günther Jauch und Frank Schirrmacher.

Und das war ja so nicht zu erwarten. Denn es ging um das neue Buch des „FAZ“-Mitherausgebers. Es heißt „Payback“, und es handelt davon, wie das Internet, wie Computer, wie Handys, E-Mails, SMS den Menschen prägen und verändern – im Guten wie im Schlechten. Es war deshalb nicht zu erwarten, weil das eher ein Thema für Volker Panzers „Nachtstudio“ im ZDF ist. Aber vielleicht ist das ja bereits der Denkfehler. Tatsächlich war es das perfekte Thema für Beckmann – weil Beckmann sich komplett raushielt, Schirrmacher und vor allem Jauch übernahmen die Show. Die beiden ergänzten sich besser als Waldorf und Statler aus der Muppet-Show. Immer, wenn Schirrmacher zu sehr theoretisierte und damit die Zuschauer und Beckmann überforderte, sprang Jauch ein und erzählte Anekdotisches. Schirrmacher war die Theorie, Jauch war die Praxis. Und Beckmann war der Zuhörer, der interessanterweise immer nur Schirrmacher unterbrach, Jauch hingegen nie.

So wurde daraus eine Dreiviertelstunde gehobene Fernsehunterhaltung, in der es nicht so sehr um technische Neuerungen ging, sondern vor allem um unsere Lebenswelt, um die Jetzt-Zeit, nachvollziehbar für jeden. Was macht die Informationsflut mit uns? Wie geht Günther Jauch mit einer SMS um? Ist unser Gehirn für Multitasking überhaupt geschaffen? All das wurde mit einer Leichtigkeit verhandelt, die dem Thema gut tat. Zu keinem Zeitpunkt kippte die Sendung in Richtung Technikfeindlichkeit ab. Jauch und Schirrmacher funktionierten zusammen so gut, dass Beckmann stellenweise das Fragen vergaß. So wurde der Zuschauer Zeuge von etwas selten Gewordenem: Zwei Menschen unterhalten sich im Fernsehen über eine Sache, kenntnisreich und pointiert, und als sie dann zum Ende einen Bogen spannten zu den Studentenprotesten und zum Ideal der klassischen Bildung, da erreichte das Fernsehen ein lange vermisstes Niveau.

Einmal fragte Beckmann Jauch, welche Sorte Mensch denn bei „Wer wird Millionär?“ die besten Chancen auf den Hauptgewinn habe. Jauch sagte, im Grunde seien es die Wahnsinnigen. Und mehr Erkenntnisgewinn kann man in deutschen Fernsehen am späten Montagabend dann wirklich nicht mehr verlangen. Zum Schluss kam aber doch noch Jan Josef Liefers – und mit dem hat sich Beckmann dann auch unterhalten. Matthias Kalle

Siehe auch Seite 21

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