Medien : Kritisch gesehen: Zartgrob, nicht radikal

Tom Peuckert

Sat 1. Walter Sedlmayr also. Ein so genannter Volksschauspieler aus Bayern, dessen Name viele Nicht-Münchener zum ersten Mal hörten, nachdem er in seiner Wohnung erschlagen worden war. Danach wurde eine Skandalchronik aufgeblättert. Von Erbschleichern war die Rede, von Strichjungen im Sekretärsrang, vom traurigen Doppelleben eines Homosexuellen, der auf Werbeplakaten urbayerische Normalität verkörperte. In Jo Baiers Film heißt die Hauptfigur Herbert Stieglmeier, aber das ist nur eine Maskerade für Juristen. Es geht darum, Sedlmayrs Leben zu erzählen. Oder besser: ein Sat 1-Drama daraus zu machen. Einen biografischen Mythos fürs Massenpublikum. Ein Leben erzählen heißt, es erklären. Sinnvolle Figuren herauspräparieren, eine Ordnung der Leiden und Leidenschaften, des Glückens und Scheiterns schaffen.

"Wambo" hat ihn der Vater genannt, weil er schon als Kind so dick war. Der Vater ist die früheste Quelle des Sinns, die der Autor und Regisseur Baier anzapft. Ein Tyrann, Gotteslästerer und Kinderschreck ist dieser Vater, das finstere Gegenstück zur herzensgut katholischen Mutter. Sein Sohn wird ein Mann, der viel weint und sich oft fürchtet. Der als Schauspieler Talent besitzt und das Herz der Masse gewinnt. Ein Mensch, der Angst und Macht hat, was eine explosive Mischung ist. Auch die sexuelle Not hat der Vater zu verantworten. Von Strichjungen lässt sich Stieglmeier peitschen, und auf dem Höhepunkt der Lust beschimpft er seinen längst verstorbenen Erzeuger. Jürgen Tarrach spielt diesen Wambo auf eine leise, eindringliche Art, die man im Gedächtnis behält. Ein angstschwitzendes Muttersöhnchen, ein sensitiver Künstler, ein Parvenü. Man könnte Tarrach, diesem zartgroben Ausnahmeschauspieler, ewig zusehen.

Jo Baier hat eine unkonventionelle Form gewählt, um Wambos Leben zu erzählen: verschachtelte Montagen, Rückblenden in Blau- und Grautönen, Berichte von Freunden und Feinden, die direkt in die Kamera gesprochen werden. Dann wieder atmosphärisch dichte Szenen wie in einem Kammerspiel. In den Presseerklärungen zum Film ist von einer Gesellschaftssatire die Rede. Davon, dass Leben und Tod dieses heimlich homosexuellen Vorzeigebayers eine gesellschaftliche Tragödie waren. Das allerdings ist nur Muskelspiel. Es gibt im Film eine mäßige Strauß-Parodie, und wir erleben ein bisschen Schwulenphobie unter den Industriellen, die ihr Bier mit Wambos Hilfe anpreisen. Wenn Wambo daheim im Selbstgespräch seine Existenznot beklagt, klingt eine Radikaldramatik an, die der Film nicht erzählen kann. "Wambo" ist ein gut gemachter Film über privates Unglück. Kein großer und radikaler Gesellschaftsfilm. Nichts, was Sat 1 nun in ganz anderem Licht dastehen ließe.

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