Medien : Kröten und Menschen

Als wär’s ein Film zu Mügeln: „Polizeiruf 110“

Thomas Gehringer

Eine ostdeutsche Kleinstadt, keine Inder werden gejagt, aber ein kleiner vietnamesischer Junge liegt verletzt am Ufer eines Kanals. Der Vater bringt ihn ins Krankenhaus, die Polizei wird nicht gerufen. Tags darauf muss sie doch kommen: Zwei Imbissbuden haben gebrannt, doch die türkischen Besitzer haben abstrus klingende Erklärungen parat. Die Kommissare Hinrichs (Uwe Steimle) und Tellheim (Felix Eitner) rücken unverrichteter Dinge wieder ab, glauben aber nicht so recht an „höhere Gewalt“. Hinrichs verdächtigt den Haufen glatzköpfiger Männer, der ihnen über den Weg läuft, doch Tellheim wiegelt ab. Noch einen Tag später wird jemand ermordet, kein Vietnamese, kein Türke, sondern ein Deutscher.

Auch wenn anfangs die Hintergründe verworren sind, ist ziemlich schnell klar, dass die „Polizeiruf 110“-Folge „Farbwechsel“ vor allem vom Rechtsextremismus in Ostdeutschland erzählt. Auf verblüffende Weise wirkt dieser Fernsehkrimi wie eine Analyse der Vorgänge in Mügeln, präziser als manche Reportage, die nach dem Gewaltausbruch gegen Inder in dem sächsischen Ort gedreht wurde. Natürlich liegt der Fall hier etwas anders, es kommt noch Schutzgelderpressung ins Spiel, doch das Bagatellisieren der rechten Gewalt und die schleichende Akzeptanz fremdenfeindlichen Gedankenguts werden bedrückend und überzeugend geschildert. Zugleich ist „Farbwechsel“ höchst unterhaltsam und voller Humor.

Denn der Film wird getragen vom Schauspieler und Kabarettisten Uwe Steimle, dessen Schweriner Kommissar Hinrichs eine herrlich tragikomische Figur ist, voll skurriler Macken und ostdeutscher Befindlichkeiten. Mit „Teilnehmer“ meldet er sich am Telefon wie einst die DDR-Volkspolizei. Mal wirkt er wie der personifizierte Vorwurf gegen alle Besserwessis, dann wieder schenkt er den Ossis ein. „Wir leben im schönsten Teil Deutschlands und keiner merkt’s“, klagt Bäckerin Lisa Böhn (Gudrun Ritter) vom örtlichen Heimatverein. Man habe doch mehr zu bieten als Arbeitslosigkeit, Strukturschwäche und Überalterung. „Rechtsradikalismus“, antwortet Hinrichs trocken. „Im Osten leben bald nur noch Alte, Kranke und Dumme.“

Sehr schön wird von Autor Rolf Greulich Hinrichs’ Naturverbundenheit in die Geschichte eingebaut. Hinter dem Begriff „Heimat“ versammeln sich in dem kleinen Ort nahe Schwerin brave Bürger, biedere Brandstifter und tumbe Glatzen. Diese Heimattümelei passt nur scheinbar gut zur Tier- und Pflanzenliebe des Kommissars. Sein Vortrag vor dem Heimatverein über eine vom Aussterben bedrohte Kröte wird zu einer anspielungsreichen Rede. Beim Stichwort „Vertreibung“ klatschen die Neonazis im Saal wie auf Bestellung, doch Hinrichs’ Plädoyer für Artenvielfalt klingt eher nach einem Plädoyer zum Schutz von Minderheiten. Sehr komisch auch Hinrichs’ Demonstration, wie bei den Schreiadlern das Männchen das Weibchen lockt. Pech nur, dass in diesem Augenblick die neue Chefin hereinplatzt.

Allmählich erhält der Schweriner Polizeiruf ein neues, ein gesamtdeutsches Gesicht. Christine Schorn spielt die Kriminalrätin Carla Knechthammer, die zwar Hinrichs’ Vorliebe für Flora und Fauna zu teilen scheint, mit der aber sonst nicht zu spaßen ist. Vor allem Tellheim ist schlecht drauf, denn Frau Knechthammer war schon seine Ausbilderin in Rostock. Dafür flirtet er mit der schlagfertigen Rechtsmedizinerin Dr. Niethnagel (Katharina Heyer). Nimmt man noch Vater Hinrichs (Hermann Beyer) hinzu, der seinen alleinstehenden Sohn besucht und mit ungebetenen Ratschlägen nervt, bietet der „Polizeiruf“ aus „Meck-Pomm“ trotz des bedauerlichen Abgangs von Henry Hübchen ein vielversprechendes Ensemble.Thomas Gehringer

„Polizeiruf 110“, ARD, 20 Uhr 15

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