Medien : Krötenwanderung

NRW-Seiten im Trend: Nun probiert es auch die „taz“ täglich

Thomas Gehringer

In der blumigen Diktion der „tageszeitung“ („taz“) kann der Blätterwald an Rhein und Ruhr ab heute einiges erleben. Jeden Dienstag ist „Krötenwanderung“ (Wirtschaft und Umwelt), und donnerstags und samstags gibt es forstgerecht „Licht und Schatten“ (Feuilleton). Doch obwohl montags und freitags mit dem „Schwitzkasten“ (Sport) gedroht wird, müssen die Platzhirsche der NRW-Presse den Start von täglich vier zusätzlichen „taz“-Seiten in Nordrhein-Westfalen nicht persönlich nehmen. „Dass wir den lokalen Größen Konkurrenz machen können, von diesem Konzept mussten wir uns selbst auf einem überschaubaren Markt wie Bremen verabschieden“, sagt Christoph Schurian, Redaktionsleiter der „taz nrw“.

Die „taz nrw“ will, blickt man auf das wild gemixte Seitenkonzept, alles zugleich sein: sowohl landesweite Klammer als lokales Alternativblättchen. Die „taz“-Redaktionen in Köln und Bochum gestalten die Seiten Eins und Vier der NRW-Beilage, die Seiten Zwei („Land Tag“) und Drei (wechselnde Ressorts von „Schwitzkasten“ bis „Licht und Schatten“) sind in beiden Ausgaben gleich.

Gelassene Konkurrenz

Die Konkurrenz bleibt gelassen: Von der Kündigung gemeinsamer Vertriebswege – eine Waffe, die im März zum Ende des täglichen NRW-Teils der „Süddeutschen Zeitung“ beigetragen hatte – ist bei „WAZ“ und M. DuMont Schauberg („Kölner Stadt-Anzeiger“) nicht die Rede. Mit einer verkauften Auflage von 11500 Zeitungen ist die „taz“ bei einzelnen Themen zwar ein Stachel im Sitzfleisch der Großverlage, aber keine wirtschaftliche Bedrohung. Dennoch: Das mit 18 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichste Bundesland wird von überregionalen Print-Verlagen nach wie vor für ein lohnendes Experimentierfeld gehalten. Vor der „taz“ hat auch der „Focus“ eine „Testphase“ mit vier, unregelmäßig erscheinenden NRW-Seiten gestartet. „Mit Gewinn“, so „Focus“-Sprecher Uwe Barfknecht. Auch die „Welt am Sonntag“ bietet NRW-Seiten an.

Nicht durch die „SZ“ abgeschreckt

Der gescheiterte, aber mit täglich bis zu acht landesweiten Seiten ehrgeizigere „SZ“-Versuch hat die Konkurrenz keineswegs abgeschreckt. In ihrer 14-monatigen Existenz erwarb sich die Düsseldorfer NRW-Redaktion der „Süddeutschen“ nicht nur eine hohe journalistische Reputation, sondern sorgte auch für steigende Verkaufszahlen. Knapp 10000 gewonnene Abonnenten zählte der Verlag, und obwohl einige nach dem Aus der NRW-Beilage erzürnt wieder gekündigt hatten, soll die Zahl von 40000 verkauften Exemplaren bis heute stabil geblieben sein.

Zurück zur „taz“. Die sammelte in den letzten Monaten Kapital für neue Projekte. Die bis zur Gründung der „taz Entwicklungs KG“ am 1. Dezember geforderten eine Million Euro kamen zusammen. Damit sollen auch die „taz nord“, die „digitaz“ und die deutsche Ausgabe der „Le Monde diplomatique“ vorangebracht, in NRW jährlich 1000 neue Abonnenten gewonnen und über Anzeigen 250000 Euro erwirtschaftet werden. Wenn diese Ziele deutlich verfehlt werden, „dann wird man das einstellen“, sagt Karl-Heinz Ruch. Die nächste Rettungsaktion kommt bestimmt.

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