Kubanische Zeitung : Frustrierte meckern freitags

Erstmals druckt die kubanische Zeitung „Granma“ Leserbriefe ab.

Sandra Weiss

CaracasFrüher war die Lektüre des kubanischen Parteiorgans „Granma“ eine eher dröge Angelegenheit, in der Experten versuchten, zwischen den Zeilen einiges über den Zustand der kommunistischen Partei zu erfahren. Seit einigen Wochen erfreut sich das dünne Blatt neuer Beliebtheit – und zwar wegen der Leserbriefe auf den Seiten zehn und zwölf. Im Zeichen der vom neuen Präsidenten Raul Castro eingeleiteten Phase der Selbstkritik druckt die „Granma“ neuerdings auch deftige Schreiben ab. Drei bis vier Leser, identifiziert durch die Initialie ihres Vornamens und den ersten Nachnamen, kommen in jeder Freitagsausgabe zu Wort. Pikanterweise in der gleichen Ausgabe, in der auch die Kolumnen des „Kameraden Fidel Castro“ erscheinen, der den Reformkurs seines Bruders mit Argusaugen überwacht.

Da klagt beispielsweise A. Pérez über die zwei auf Kuba zirkulierenden Währungen, den einheimischen Peso und den CUC, eine künstliche Devisenwährung. „Nur ein Blinder merkt nicht, dass seit der Zulassung der Devisen große soziale Unterschiede entstanden sind und dass die Personen mit guter Kaufkraft dies nicht aus eigener Kraft geschafft haben oder einen Beitrag zum Wohlstand der Gesellschaft leisten", kritisiert A. Pérez. Sein Landsmann J.M.G. Bolzón klagt die grassierende Korruption in der Staatsbürokratie an: „Hunderttausende Pesos landen in den Taschen skrupelloser Bürokraten. Es herrscht keine Ethik in diesen Einrichtungen.“

Unter den kubanischen Journalisten ist ebenfalls ein neuer Frühling angebrochen. „Wir verlieren an Glaubwürdigkeit, wenn wir unvollständige Informationen liefern, die anschließend von der Konterrevolution oder von der Spekulation auf der Straße ergänzt werden“, warnte die Zeitung „Juventud Rebelde" in einem Kommentar zum Kongress der Journalistenunion. Beispiele dafür gibt es genug. So verbreitete sich die von ausländischen Agenturen vermeldete Öffnung ausländischer Hotels für kubanische Gäste auf der Straße per Mund-zu-Mund-Propaganda – im Kubanischen „radio bemba“ genannt – wie ein Lauffeuer. Offiziell erfuhren die Kubaner jedoch erst zwei Wochen später in einem Leitartikel über diesen Beschluss der Regierung. Ähnlich lief es mit der Aufhebung des Verkaufsverbots für Elektro- und Elektronikartikel.

„Wir müssen das reale Land widerspiegeln mit seinen Träumen und Spannungen“, forderte deshalb der Journalist Hugo Rius auf dem Kongress. Auch im Radio und Fernsehen finden sich inzwischen kritischere Beiträge, so zum Beispiel über die Verteuerung der Lebensmittel oder den prekären Zustand vieler Wohnhäuser in Havanna. Besonders beliebt aber ist die humoristische Sendung „Lass dir von mir erzählen“, in der die Missstände von Doktor Metepollo aufs Korn genommen werden.

Der frische Wind in den Medien, die neue Konsumfreiheit – auf Kuba ist einiges in Bewegung geraten unter Raul Castro. „Mehr Effizienz“ lautet die Vorgabe des langjährigen Verteidigungsministers, die sich auch in den Medien widerspiegelt. Doch die Öffnung ist kontrolliert, der altbekannte Rahmen vorgegeben: „Innerhalb des Sozialismus alles, außerhalb des Sozialismus nichts.“ Nur dass derzeit eben die Grenzen wieder etwas großzügiger gezogen werden. Systemkritik ist tabu. Reformen, die vom Regime als potenziell destabilisierend ausgemacht wurden, stehen nicht auf der Agenda. Etwa eine Öffnung des Zugangs zum Internet oder zu Satellitenfernsehen. Es sei damit zu rechnen, dass sich diese Kommunikationsmedien als Plattform der Kontrarevolutionäre entpuppten, warnte Fidel Castro.

„Mit mehr Pressefreiheit hat das wenig zu tun", sagt der kritische Journalist Iván García von der unabhängigen Nachrichtenagentur Cuba Press, die schon vor einigen Jahren für ausländische Internetseiten über die Alltagsprobleme auf Kuba berichtete. Nach einer Repressionswelle der Regierung sind nur noch wenige unabhängige Journalisten tätig. Mehr als 20 sitzen laut „Reporter ohne Grenzen“ im Gefängnis. Die übrigen werden von der Staatssicherheit engmaschig überwacht. Auch für ausländische Reporter ist die Arbeit schwieriger geworden. Voriges Jahr wurde das Arbeitsvisum von drei Korrespondenten nicht verlängert, weil ihre Art der Berichterstattung den Behörden nicht gefallen hatte. Und nur wenige kommen in den Genuss von Journalistenvisa für kurze Besuche.

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