Medien : Kultur, gut

Puristen vs Podcaster: Deutschlands anspruchsvolle Radio-Macher streiten über die mediale Zukunft

Christian Deutschmann

Ob am Arbeitsplatz, unter Freunden oder in der Familie: Das Reden über den jüngst gesehenen TV-Knüller gehört zum Repertoire unserer Alltagskonversation. Bringt da jemand das Gespräch aufs Radio, gemeint ist das ernsthafte, meist mit dem Vorsatz „Kultur-“ versehene, dürfte er seinen Zuhörern nicht viel mehr als Verlegenheit entlocken. So haben es sich seine wenigen, aber hartnäckigen Liebhaber angewöhnt, grundsätzlich zu werden. Sie reden über das Hören und seine Vorzüge gegenüber dem Sehen. Da sind schnell Bekenntnisse zur Hand: dass man gerne „altmodisch“ sei und für ein Radio schwärme, wie es einmal gewesen ist. Und mit Begriffen wie „Verflachung“ oder „Dudelfunk“ wird die glitzernde Medienwelt, wie sie andere beeindrucken mag, in den Orkus geschickt.

Solche Verallgemeinerungen suchten die Teilnehmer des 9. Akademiegesprächs am Pariser Platz natürlich mit großer Disziplin zu meiden. Gleichwohl waren sie schon durch das Thema – „Das Radio und die Kultur“ – darauf gestimmt, aufs Ganze zu gehen. Zu sichtbar sind noch die Kampfesspuren, die die jüngsten Programmreformen der Kulturradios landauf, landab und insbesondere beim „Kulturradio“ des Rundfunks Berlin-Brandenburg (von dem allerdings niemand auf dem Podium saß), hinterlassen haben. Und zu verfestigt die Reizworte, mit denen man sich da begegnete: von „Durchhörbarkeit“ „Format“ oder „Hörerschwund“ auf der einen Seite, bis „Häppchenkultur“ oder „Quotengläubigkeit“ auf der anderen. Es war der Schnelldenker Klaus Staeck, der eingangs das rhetorische Waffenarsenal durchmaß, um dann ein paar Fenster zu öffnen, aus denen die schwierige „Beziehungskiste“ zwischen Radio und Kultur neu betrachtet werden könnte. Schon indem es (nach Alexander Kluge) den „Grundstrom der Mündlichkeit“ weitertrage, bleibe das Radio Bestandteil der Kultur. Ex-Innenminister Gerhart-Rudolf Baum sekundierte, indem er das Bundesverfassungsgericht mit dessen Festlegung zitierte, die Finanzierung des öffentlichen Rundfunks finde ihre Rechtfertigung erst durch Sendungen, die „notwendigerweise defizitär“ und durch eine „geringe Zahl von Teilnehmern“ ausgewiesen seien.

Bloß: Auch die wollen gehört sein. Mit mehr investigativen Beiträgen, mehr Sozialreportagen, mehr „elektronischen Abenteuern“, besserem Sachverstand von Fachredaktionen, wie der Radiojournalist Johannes Wendt nach alter SFB-3-Manier vorschlug? Oder eben doch mit den „verjüngenden“ marketingorientierten Tendenzen des Prügelknaben „Tagesbegleitprogramm“, den der leicht reizbare Christoph Lindenmeyer vom Bayerischen Rundfunk mit großer Entschiedenheit verteidigte. Dass das Zauberwort „Qualität“ nicht ausreicht, dem gehobenen Radio von morgen Konturen zu geben, wurde den Zuhörern der Debatte schnell klar. Dass aber dem (von einigen konstatierten, von anderen bestrittenen) Hörerschwund eine gewachsene „Kultur des Hörens“ gegenübersteht, verrät erst der Blick auf andere Sparten: den Boom der Hörbücher etwa, die in großer Zahl Radioproduktionen sind; oder den massenhaften Zuspruch, den das Musikfestival „Ultraschall“ mit seinen oft schwierigen Programmen neuerdings gerade bei jungen Leuten findet. Nutzt es da, eine „Front“ herbeizureden, die das „Kulturgut“ Radio verteidigen soll? Mut machen dürfte eher der Blick, den Wolfgang Hagen, Kultur- und Musikchef von Deutschlandradio Kultur auf die ARD-Szenerie warf: „Wir haben das beste Rundfunkprogramm in Europa.“

Vielleicht war es gut, den Zankapfel RBB für diesen Abend vom Podium fernzuhalten. Denn auch anderswo gibt es gute Argumente für eine „neue“ Verschwisterung von Radio und Kultur. Etwa beim SWR 2, dessen ehemalige Chefin Hildegard Bussmann aus dem Publikum heraus die Solidität „ihres“ Programms pries und die „Fetischisierung der Jugend“ anderswo angriff, womit sie dem kämpferisch gesinnten Teil ihrer meist älteren Zuhörer sichtlich aus dem Herzen sprach.

Im Dickicht aus Rundfunkpolitik und Ästhetik, dem sich auch dieses Akademiegespräch nicht entziehen konnte, bewegte sich der Moderator, Grimme-Chef Uwe Kammann, mit großer Eleganz. Gleichwohl: Zum Thema dürfte das Radio, das Kulturradio erst werden, wenn wir wieder mehr über seine Inhalte sprechen. Und das heißt: über die Sendungen, die wir hören.

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