Medien : Kulturkanal Arte gibt sich dem Trash-Film hin

Hendrik Feindt

Um 1960, im Gefolge der ersten Nachkriegssättigung, muss es gewesen sein, dass Abfall und Abfälliges auf lange Sicht salonfähig werden konnten. Zwar war der Weg des Kinos, wie schon damals Siegfried Kracauer in seiner filmpublizistischen „Theory of Film“ konstatierte, von Beginn an „mit Bildstreifen besät, die in Katastrophen und albdruckhaften Vorgängen schwelgen“. Aber erst als Hollywood mit Fernsehserien wie „Alfred Hitchcock presents ...“ das Grauen im alltäglichen Heim verortete, war der billig produzierte „fantasy horror“ zum alternativen Gemeingut der Kulturkritik geworden. Zur erneuten Begutachtung dieses Genres lädt eine Filmreihe ein, die Arte dem „Trash-Film“ widmet.

Was hier unter trash – zu Deutsch „Abfall“ und „Pfuscherei“ – verstanden werden kann, mag bereits ein Überblick über einzelne Exempel der Reihe zeigen. Da plündert der Italiener Mario Bava heute mit „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ die Muster des expressionistischen Films. Da parodiert der Grieche Panos Koutras die Tradition teurer Science-Fiction-Produktionen, um am Beispiel eines Tellergerichts, das zu einem Fleischmonster mutiert, die Konsumwut seines Publikums zu veranschaulichen („Der Angriff der Riesenmoussaka“ von 2000, am 16. 3.). Und da kommt es (wie in den legendären „Supervixens“ von Russ Meyer aus dem Jahr 1975, am 6. 4.) zu Zweikämpfen zwischen Brutalos und Nymphomanen, deren Bildmacht durch riesenhafte Brüste gesichert wird.

Sieht man auf die Sendezeit der Reihe, stellt sich die Frage, warum die Ausstrahlung dieser Produktionen noch immer den vermeintlichen Schutzes der nächtlichen Stunde benötigt. Schließlich ist die „komplizenhafte Beziehung zum Entsetzlichen“, von der die Essayistin Susan Sontag 1965 einmal angesichts der „Katastrophenfantasie“ von ScienceFiction-Filmen gesprochen hatte, doch längst zu allen Sendezeiten zum Fernsehalltag geworden.

„Die Stunde, wenn Dracula kommt“, Arte, 0 Uhr 50

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