Medien : Kulturkritiker, runter von den Bäumen!

Die RTL-Dschungelshow: Harmloser und humaner als jedes Publikumsvergnügen vor Beginn des Fernsehens

Harald Martenstein

Es ist vorbei. Ruhe im Dschungel, alle Affen schlafen. Zeit, Bilanz zu ziehen.

Früher gab es auf den Jahrmärkten Leute, die sich für Geld Torten ins Gesicht werfen ließen. Es gab Houdini, den Zauberer, der sich in Ketten verschnürt in eine Kiste packen und die Kiste ins Wasser werfen ließ. Es gab Wettbewerbe im Dauertanzen – wer zuletzt noch stand, auf blutigen Füßen, hatte gewonnen. Der Film „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ handelt von so einem Wettbewerb. Es gab Hungerkünstler und Pfahlsitzer.

In den 70er Jahren gab es die Sendung „Wünsch dir was“, in der ein Auto mit Insassen in einem Pool versenkt wurde, Moderation: Dietmar Schönherr. Es gibt Artisten, die ohne Netz auf einem Seil von einer Turmspitze zur anderen laufen.

Heute gibt es Sendungen mit versteckter Kamera, in denen Leuten zum Teil übel mitgespielt wird. Es gibt fast täglich Schadenfreude-Spezialsendungen mit Privatvideos, wo Leute reihenweise auf die Schnauze fallen und die Hose runterlassen, und Nachmittags-Talkshows, in denen man sich manchmal gegenseitig bis ins Mark demütigt.

Die Doku-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ war in ethisch-moralischer Hinsicht deutlich harmloser als alle genannten Beispiele. Keiner der Teilnehmer, die in einem wohlbehüteten Dschungelcamp ein paar ekelbesetzte Prüfungen erdulden mussten, hat sich in ernsthafter Gefahr befunden, die Tonlage der Show war sanft ironisch. Wer glaubt, mit dieser Sendung Alarmrufe oder Äußerungen des Abscheus über das allgemein gesunkene Niveau begründen zu können, beweist damit nur seine eigene Ahnungslosigkeit. Es handelt sich, genau genommen, um eine doppelte Ahnungslosigkeit: Erstens reicht die historische Erinnerung solcher Alarmrufer nicht weiter zurück als ein paar Jahre, zweitens reicht die Medienkompetenz nicht weiter als bis zum nächsten Knopf auf der Fernbedienung.

Problem der Medienkompetenz

Wir haben in Deutschland keine ernsten Probleme mit dem Programmniveau. Wir haben eher ein Problem mit der Kompetenz der Medienkritik. Vielleicht ist einigen deutschen Kulturkritikern ja ein Sack voller Kakerlaken auf den Kopf gefallen.

Wer sich über die angeblich einmaligen Tabuverletzungen in „Ich bin ein Star“ aufregt, gibt auch zu erkennen, dass er kritiklos den PR-Sprüchen von RTL glaubt. Das ist vielleicht das Allerpeinlichste: Die Kritiker beten in Wirklichkeit Werbesprüche nach. Denn RTL hat natürlich ein Interesse daran, die Sendung als neuartiger und skandalöser erscheinen zu lassen, als sie es ist. In Wirklichkeit handelt es sich lediglich um eine neuartige Verpackung für das uralte Unterhaltungskonzept „Schadenfreude“, ein Konzept, das in dieser Branche mindestens seit dem alten Rom nachweisbar ist.

Die Sendung kann man dämlich finden. Aber sie war nicht inhumaner, sondern humaner, als man es noch vor fünfzig oder hundert Jahren gemacht hätte. Die Männer, die sich damals in zerbrechlichen Holzfässern die Niagarafälle hinabspülen ließen, riskierten tatsächlich ihr Leben – nur, um in der Unterhaltungsindustrie ihrer Zeit Stars zu sein. Etwas Vergleichbares würde heute zum Glück kein Sender wagen.

Sozialkritik bei „Rambo“

Wir sind nicht brutaler, sondern zivilisierter als früher. Als es noch kein Fernsehen gab, waren die Menschen in ihrem Unterhaltungsbedürfnis auf öffentliche Hinrichtungen angewiesen. Wer die niederen Instinkte des Publikums und das persönliche Risiko der Darsteller völlig aus dem Showbusiness verbannen möchte, der muss das Showbusiness verbieten, und das Kino gleich mit. Es ist nützlich, einmal eine Schauspielerbiografie in die Hand zu nehmen oder Berichte über Dreharbeiten von Actionfilmen in heißen Gegenden zu lesen. Dreharbeiten im Urwald sind immer recht eklig. Zufällig hat der Autor dieses Textes mal im Dschungel an einem Film mitgearbeitet, dabei wurde er von Riesenameisen in die Beine gebissen und von Schlangen verfolgt. Was soll’s! Jeder Stuntman und jeder Actiondarsteller riskiert für das Vergnügen des Publikums mehr als die Darsteller der Dschungelshow.

Die Kulturkritik war auch früher schon ahnungslos. Vor etwa zwanzig Jahren galten die beiden Filmtitel „Rambo“ und „Rocky" in der Welt des deutschen Geistes als Synonyme für das besonders niveaulose Kino aus Amerika. „Rambo“ und „Rocky“ – das tauchte damals als Stichwort in zahlreichen Feuilletontexten auf, und jeder wusste gleich, was gemeint ist. Nur: Die beiden Filme sind in Wirklichkeit gar nicht so übel, sie sind sogar sozialkritisch. Aber das wusste natürlich nur, wer ins Kino ging.

Witzig war das Verhältnis der „Bild“-Zeitung zur Dschungelshow beim befreundeten Sender. In den „Bild“-Berichten wurde genüsslich die Empörung geschürt, das heißt: Neugierde geweckt. Man tut „Bild“ nicht Unrecht, wenn man sagt: Sie leben selber ganz gerne vom Trash und gehören eher zur leichten Muse. Gleichzeitig übernehmen sie die Rolle der moralischen Instanz. Im Hauptberuf ziehen sie alle drei Tage Naddel aus, im Nebenberuf warnen sie vor dem Verfall der Sitten im Fernsehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar