KULTURRADIOS : Spar-Festival

ARD-Kulturwellen legen ihr Programm zusammen

Vera Pache

Von Kiel bis Konstanz bekommen Radiohörer jetzt zwei Monate lang zwischen acht und Mitternacht das gleiche Programm serviert. Vorausgesetzt, sie hören einen von zehn ARD-Kultursendern. „Wir haben gerade im Sommer eine Reihe interessanter Festivals - deutschlandweit“, beschreibt Christoph Singelnstein, RBB-Hörfunkdirektor, die Vorteile. Am Sonntagabend gab zum Beispiel eine Live-Übertragung vom Schleswig-Holstein Musik Festival aus Lübeck den Auftakt. Hörer bekommen auf diese Weise die regionale Vielfalt der Sommerfestivals auch jenseits der Sendegebietsgrenzen mit.

Kostspielige Hörspielproduktionen, Features oder Essays für diese beiden Monate fallen allerdings aus. Die Leidtragenden sind freie Autoren und Regisseure, die die Sendeplätze am Abend normalerweise füllen. Die einzelnen ARD-Sender hingegen können auf diese Weise sparen. Auch wenn sich das nicht für alle Wellen gleichermaßen bezahlt macht. „Für uns ist das total unaufgeregt“, sagt Christoph Singelnstein, „wir machen so etwas schon sehr viele Jahre.“ Vorher hatte der RBB ein Sommerprogramm, das unter dem Titel „Internationale Musikfestspiele“ zusammen mit dem MDR, WDR, NDR und dem SR gesendet wurde.

In diesem Jahr sind die anderen Kultursender hinzu gekommen, und das gemeinsame Programm wurde bis Mitternacht ausgedehnt. Da jede Radiowelle eigene Schwerpunkte hat und bei manchen das Wort- und Musikprogramm auf zwei Sender verteilt ist, war es nicht immer ganz einfach, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Es habe schon ein bisschen Diskussion gebraucht, bis man sich da über ein gemeinsames Programm geeinigt habe, sagt Singelnstein.

Mittlerweile steht das Programm und läuft seit Sonntag unter dem Titel „ARD-Radiofestival“. Bis zum 12. September werden täglich nach 20 Uhr Opern und Konzerte von internationalen Festspielen gesendet, darunter auch 15 Live-Übertragungen. Anschließend liest Gert Westphal die „Buddenbrooks“ vor – eine Produktion aus dem Jahr 1980. Nach einer halben Stunde Jazz werden bis Mitternacht „Radiodokumente aus 60 deutschen Jahren“ gespielt. Von der Gründung der Bundesrepublik über die 68er-Bewegung bis hin zur aktuellen Wirtschaftskrise zeichnen Radioaufnahmen aus den Archiven deutsche Geschichte nach. Mit einer Gedichtlesung wird das Radiofestival kurz nach Mitternacht abgeschlossen.

Nicht alle haben offene Ohren für das ARD-Gemeinschaftsprojekt. Der Evangelische Pressedienst (EPD) und auch der Deutsche Kulturrat meldeten sich kritisch zu Wort. Auch freie Regisseure und Autoren wenden sich gegen das Radiofestival. „Wir haben extreme Probleme mit dieser Geschichte, weil viele Hörspiel- und Featureplätze wegfallen“, sagt ein freier Hörspielregisseur, der seinen Namen nicht nennen möchte. Doch nicht nur wegen fehlender Wort-Sendeplätze gibt es Kritik, auch drohe das Wegbrechen der regionalen Vielfalt im Radio zu einem Trend in der ARD zu werden, was sich besonders auf die längeren Wortsendungen auswirke. „Die Pflänzchen Hörspiel und Feature sind vom Aussterben bedroht“, sagt der Hörspielregisseur.

Alles nur Schwarzmalerei oder berechtigte Kritik? Geplant ist auf jeden Fall eine großes ARD-Feature-Projekt, bei dem mehrere ARD-Anstalten kooperieren wollen. Der RBB ist nicht dabei, weil er bereits mit dem MDR zusammenarbeitet. Doch auch Intendantin Dagmar Reim hatte vergangene Woche auf der Sitzung des Rundfunkrates angekündigt, dass durch Kooperationen mit anderen Rundfunkanstalten weitere Einsparungen erreicht werden sollen. Vera Pache

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