Medien : Kupfer-Ost für Kuchen-West

„Die Mauer“ in der ARD: Eine Kleinweltkatastrophe im Großweltkalkül

Kerstin Decker

Wer will einen Film über die Mauer sehen? Indirekte Mauerfilme gibt es viele, und nun also noch ein ganz direkter. Skepsis ist die erste Reaktion, aber dann …

Egon Bahr ist schuld. Egon Bahr, einst Willy Brandts rechte Hand, danach deutsch-deutscher Versöhnungspolitiker, sprach nach der Premiere eines WDR-Films zum 17. Juni 1953 (Arbeiteraufstand in der DDR) so dramatisch-kinotauglich über ein anderes Datum deutschdeutscher Geschichte, dass nicht nur Ulrich Deppendorf den 13. August 1961 schon als leibhaftigen Film vor sich sah. Es dauerte dann aber noch etwas länger.

Regisseur Hartmut Schoen ist ein erfahrener Grenz- und Mauerfilmer. Für „Der Grenzer und das Mädchen“ – Beziehungsdrama an der ukrainisch-polnischen Grenze – bekam er vor zwei Jahren gleich mehrere Preise. Schoen hat auch das Drehbuch zu „Die Mauer – Berlin ‘61“, heute Abend im Ersten, geschrieben, und er hat Heino Ferch, Iris Berben und und Axel Prahl besetzt – alle in Rollen, die eigentlich nicht zu ihnen passen. Das ist ausgezeichnet, denn wer passte schon zu diesem 13. August 1961, der quer lag zu allen anderen Tagen? Nur Inka Friedrich (zuletzt in Dresens „Sommer vorm Balkon“) ist Inka Friedrich – fast eine graue Maus des Lebens, zu schüchtern beinahe fürs Dasein, aber wenn sie zu reden und zu leben beginnt, übersieht sie keiner mehr.

Hartmut Schoen braucht niemandem mehr erklären, dass die Mauer ein menschenverachtendes, eigentümlich seitenverkehrtes, schizophrenes Bauwerk war. Dass es vor den „imperialistischen Kriegstreibern im Westen“ schützen sollte, aber all seine Abwehranlagen infolge eines höheren Architekturfehlers statt nach außen nach innen zeigten. Schoen gelingt etwas viel Besseres. Er zeigt anhand der Dramatik eines Tages die unsichtbaren Mauern, die schon längst zwischen den neuen Wohlstandsbürgern West und ihren armen Brüdern und Schwestern im Osten verliefen. Für die einen war der Krieg längst vorbei, die anderen lebten noch immer in einer unmittelbaren Kriegsfolge – ein Bewusstsein Ost, das sich bis zum Ende der DDR hielt, schließlich wurde sie bis fast zuletzt von Moskau aus regiert.

Da sitzt also dieser stille, fast verhuscht wirkende Arbeiter (Ost) im Zug nach Hause. Kann man sich Heino Ferch, den Verantwortungsträgerrollentyp, „verhuscht“ vorstellen? Er schafft das. Wunderbar, diese scheue Ich-wünschte-ichwäre-unsichtbar-Miene. Und kein Wunder, dass ausgerechnet er kontrolliert wird. Hans Kuhlke, „Plastefuger“ von Beruf, klaut schon lange in seinem Betrieb Kupferdraht, den verschiebt er in den Westen für ein kleines Stück vom Wohlstandskuchen. Für seine Frau Katharina (Inka Friedrich) und seinen Sohn Paul (Frederick Lau). Und nun lässt er in höchster Panik die Kupferdrahttasche stehen, rennt los und ist für den Rest des Tages noch verhuschter als sonst.

Nein, er kann sich unmöglich für die Probleme seiner Frau interessieren, die nicht weiß, was sie abends zum Geburtstag ihrer Freundin anziehen soll. Denn die Freundin ist inzwischen eine West-Freundin, was man ihrem leicht angewiderten Blick auf Katharinas Ost-Röcke entnehmen kann. Immerhin ist ihr Mann Erwin Sawatzke (Axel Prahl) ganz in Ordnung, oder scheint das nur so?

In der Nacht also, als Hans und Katharina Kuhlke aus dem Osten bei den Sawatzkes, Berlin-West, Geburtstag feiern, während ihr Sohn Paul bei einem Freund schläft, wird plötzlich der S- und U-Bahnverkehr unterbrochen. Am frühen Morgen sind alle Straßenverbindungen zwischen den Stadthälften abgeriegelt. Und der Kupferklauer Hans Kuhlke hat sich nicht zurück in den Osten zu seinem Sohn getraut und wird noch stiller als vorher. Und seine verzweifelte Frau sitzt bald im Schaufenster von „Möbel Sawatzke“ mit dem Plakat „Ich will mein Kind zurück. Bonn tut nichts.“ Paul aber, der vermeintlich verlassene Junge, wird zum Vorzeigepionier abgerichtet und ins Kinderheim gesteckt, bis er seine trunksüchtige Klavierlehrerin Lavinia Kellermann wiedertrifft (mit aller Resteleganz einer Frau, die bessere Tage gesehen hat: Iris Berben).

Eine grelle Geschichte, vielleicht eine zu grelle Geschichte, aber die Schauspieler geben ihr Glaubwürdigkeit und einen überindividuellen Tiefen-Realismus. Menschen als Spielball der Geschichte: Nie brauchten Hans und Katharina sich mehr als jetzt und doch verläuft die Mauer – unsichtbar – auch schon zwischen ihnen. Und wie Schlagschatten fallen in diese Kleinweltkatastrophe die Großweltkalküle: Die Erleichterung der Amerikaner, dass der Krisenherd Berlin nun befriedet ist, ohne dass „Schlimmeres“ geschah. Denn der Mauerbau demonstrierte mehr als die Unmenschlichkeit eines Systems. Er hatte gleichsam objektiven Verhängnischarakter. Selbst wenn die bei offenen Grenzen nicht überlebensfähige DDR gesagt hätte: Okay, Jungs, wir geben auf! – sie war das Unterpfand Moskaus, die Pufferzone zum Westen, der Garant für die Oder-Neiße-Grenze, die die Bundesrepublik 1961 niemals anerkannt hätte. Das hat sie erst 1990 getan.

„Die Mauer“, ARD, 20 Uhr 15; danach die Dokumentation „Rabeneltern“

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