Medien : Kurzes Leben, langes Sterben Ergreifender Themenabend über den Tod von Kindern

Barbara Sichtermann

Der Tod sei das große Rätsel, über das man nicht spreche, heißt es in Stefan Haupts Dokumentation über die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross. Die kürzlich verstorbene Schweizer Ärztin war nicht durch im strengen Sinn wissenschaftliche Arbeiten berühmt geworden, sondern durch ihre Erkenntnis, dass der Tod eine spirituelle Erfahrung ist, die zum Leben gehört, und durch ihre Fähigkeit, diese Idee einem Millionenpublikum nahe zu bringen. Wohin mit der Sehnsucht, über das große Rätsel nachzudenken, wenn die Kirchenleute, in deren Zuständigkeit dieses Nachdenken früher ausschließlich fiel, immer weiter an Einfluss verlieren? Und wenn die säkulare Gesellschaft den Finger auf die Lippen legt? In die Leerstelle rund um das „große Rätsel“ drang mutig und beredt Elisabeth Kübler-Ross. Filmemacher Haupt führt einfühlsam durch die „Windstürme ihres Lebens“, er entwirft das ausführliche Porträt einer Forscherin, deren Neugier auf das Geheimnis des Todes nur noch von der Energie übertroffen wurde, mit der sie ihre Eingebungen über das Tabuthema durch die Welt trug.

Dem Unthema Tod hat Arte für seinen Themenabend einen besonderen Index verliehen: Es geht (vor allem) um das Leid, das entsteht, wenn Kinder unheilbar erkranken. Und wenn Eltern nicht mehr weiterwissen. Auch Kübler-Ross hatte sich von der Tragik des (zu) frühen Todes berühren lassen und ein Hospiz für aidskranke Kinder (in den USA) errichten wollen. Es wurde nichts daraus – die Anrainer fürchteten sich vor dem Virus und hintertrieben den Plan. In Brandenburg aber gibt es inzwischen eine Stätte für todkranke Kinder und ihre Eltern; getragen wird sie von der Björn-Schulz-Stiftung, so genannt nach dem verstorbenen Sohn des Gründers Jürgen Schulz. Katrin Kramer ist mit Kamera und Mikrofon in und durch den „Sonnenhof“ gezogen. Was sie dort gesehen und erlebt hat, wurde zum Stoff für einen außergewöhnlich schönen und aufklärerischen Dokumentarfilm. Hier ahnt man, wie es gehen könnte mit dem „großen Rätsel“ in einer Welt ohne Jenseits. „Der lange Abschied“ zeigt, dass auch nichtreligiöse Hinterbliebene zu einer Art Glauben finden können: an ihre Kraft, den Tod anzunehmen. Aber ohne die Schwestern und Pfleger vom Sonnenhof, ohne die lebenszugewandte Atmosphäre dieses Ortes, an dem man den letzten Akt vorausfühlt und schließlich erlebt, wäre das alles nicht möglich. Der Tod verlangt seine Rituale, seine Ehrerbietung, seine Philosophie, sein Fest. Der Sonnenhof hält all das bereit.

Da ist die kleine Kyra, sie leidet an einer Stoffwechselstörung, die zur Auflösung des Gehirns führt. Sie wird nie gehen und sprechen, ihr Leben dauert kurz, ihr Sterben lang, aber dass ihr Auf-der- Welt-Sein doch ein Leben gewesen sein wird – mit einem kleinen Freund und sehr viel Zuwendung – das macht der Sonnenhof möglich. Da sind die Eltern des kleinen August, der auch nur kurz zu leben hat. Sie lauschen auf das, „was August uns sagt“. Fragen nach dem Warum des Schicksalsschlages stellen sie nicht, es gibt ja auch keine Antworten. Und da ist die Leiterin des Hospizes, eine junge Frau und schon weise. Sie hat erkannt: Medikamente sind Nebensache, Streicheln ist wichtig. Das Hospiz kennt die Phasen jenes Prozesses, der in das Annehmen des Endes mündet. Auch Kübler-Ross hat diese Phasen beschrieben. Dass die letzte befreiende Stufe einer Zustimmung zum Abschied, die Bereitschaft, ihn „würdig und sensibel“ zu vollziehen, ohne Verzögerung erreicht wird – dabei hilft das Hospiz. Überraschend gefasst berichten Eltern von den letzten Stunden mit ihrem Kind. „Irgendwann war es so weit, dass wir ihn in den Sarg legen konnten.“

Auf das Fernsehen prasseln immer wieder Vorwürfe nieder, es dränge sich dreist in private Räume. In dieser Allgemeinheit ist der Tadel nicht aufrecht zu erhalten. Kaum je war eine Filmemacherin so nah dran am Innenleben ihrer Interviewpartner. Und kaum je war das Ergebnis so wahrhaft relevant für die Öffentlichkeit.

Arte-Themenabend „Wenn Kinder sterben“, ab 20 Uhr 45

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