Medien : Kurzmeldungen

-

ZU MEINEM ÄRGER

Frau Rosenbladt, worüber haben Sie sich in dieser Woche am meisten in den Medien geärgert?

Geärgert hat mich vor allem, was ich diese Woche nicht in den wichtigen deutschen Tageszeitungen gelesen habe: Etwa, wie die sagenhaften 15 Milliarden Dollar ausgegeben werden sollen, die USPräsident George W. Bush in den nächsten fünf Jahren für den Kampf gegen AIDS spendieren will. Denn während „SZ“ und „FAZ“ Bushs Ankündigung ungeprüft nachbeteten, recherchierte die britische „Financial Times“ nach. Und konnte detailliert berichten, dass schon die angekündigten drei Milliarden für dieses Jahr niemals ausgezahlt werden: Im Haushalt sind überhaupt nur 1,9 Milliarden Dollar beantragt. Davon sollen erstaunliche 450 Millionen Dollar für die Schaffung neuer Abteilungen im State Department ausgegeben werden, die die Hilfe koordinieren – also nicht etwa für bedürftige AIDS-Kranke in Afrika. Der „Global Fund to fight AIDS, TB and Malaria“ soll dagegen nur magere 200 Millionen bekommen, und auch die werden nur dann fließen, wenn die Europäer für jeden US-Dollar ihrerseits zwei Dollar drauflegen (was immerhin die Leser des Tagesspiegel erfuhren). Ein Drittel der existierenden US-Hilfen muss zudem künftig in „Abstinenz-bis-zur-Heirat-Programme“ investiert werden, die unabhängige AIDS- Hilfe-Organisationen für unsinnig halten. „In Wahrheit werden die 15 Milliarden nie ausgegeben werden,“ resümiert die „FT“. Solche Informationen relativieren die generöse Geste dann doch etwas – wenn man sie erfährt.

Gab es auch etwas, worüber Sie sich freuen konnten?

Dass die deutschsprachige Zeitungslektüre diese Woche dennoch oft eine vergnügliche war, danken wir den Italienern: Herrn Stefano Stefanis krude Gemeinheiten stachelten die Feuilletons zu ironischen Höchstleistungen an. Hach, wir lieben es einfach, wenn uns jemand als „blonde Bestie, tumber Tor“ („FAZ“) verunglimpft, wir ziehen „ob Gote oder Goethe, Otto Skorzeny oder Otto Schily“ („SZ“) dennoch unverdrossen des Sommers über die Alpen gen Süden – und dass der Kanzler darauf nun beleidigt verzichtet, war „SZ“ und „FAZ“ am Donnerstag gar eine identische Schlagzeile wert. Nun bleibt er also in Hannover; für Italien vielleicht gut, denn in der „FAZ“ hat jetzt ein Altphilologe aus gegebenem Anlass noch einmal ausführlich erläutert, wie das Imperium Romanum unterging: Die Germanen waren’s. „Unfähig, die vorgefundene Zivilisation weiterzuführen, ließen sie die Städte, Straßen, Wasserleitungen und Brücken zerfallen. Schriftlichkeit und Geldwirtschaft gingen zurück, und es dauerte Jahrhunderte, bis der alte Bildungsstand wieder hergestellt werden konnte.“

Sabine Rosenbladt, letzte Chefredakteurin der eingestellten Zeitung „Die Woche“, ist Chefredakteurin der Zeitschrift „Internationale Politik“ von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben