Lachen über den "IS" : Die "Datteltäter" machen Youtube-Satire

Vier junge Berliner, die "Datteltäter", wollen mit Vorurteilen über Muslime aufräumen. In ihren Youtube-Videos machen sie Witze über den "IS", die Asylpolitik und die NPD.

Alice Hasters
Die "Datteltäter" nehmen den "IS" aufs Korn: Marcel Sonneck (links) und Fiete Aleksander (rechts) verkleidet als Salafisten Sreenshot: Youtube
Die "Datteltäter" nehmen den "IS" aufs Korn: Marcel Sonneck (links) und Fiete Aleksander (rechts) verkleidet als ISIS-AnhängerSreenshot: Youtube

Younes al-Amayra trägt einen Kinderlaufstall in seinen Garten in Berlin. Der wird später als Käfig für den Griechen dienen. Daneben stellt er ein kleines Gitter für die Syrerin, die zwei Nigerianer kommen hinter den Zaun. Das ist die Ausgangssituation für den Sketch, den Younes gerade vorbereitet. Marcel Sonneck bindet sich zugleich in der Küche seinen Pullover um die Schultern und platziert seine Sonnenbrille in die gegelten Haare. „Ich will richtig kacke aussehen“, sagt er. Er wird „Herr von Freital“ spielen, der sich einen Flüchtling für seinen Sohn kaufen möchte wie einen Hund aus dem Tierheim.
Sein Freund Fiete Aleksander spielt den Verkäufer „Eugen Ulrich“, genannt „E-U“. Fiete schaut sich gerade im Internet einen Beitrag aus dem ARD-Magazin „Panorama“ an. Bewohner aus Freital werden zum Asylheim befragt. „Die machen hier Urlaub“, sagt eine ältere Frau in die Kamera. Fiete lacht. „Ürlaub mochen die hier, genäu“, macht er sie nach. Das schreibt er auf, das muss unbedingt rein.
Während Younes im Garten das Set aufbaut, schreiben Fiete und Marcel ihren Dialog für den Sketch. Die drei gehören zum Gründerkreis der „Datteltäter“. Eine Gruppe junger Berliner aus dem Wedding, die Satire auf Youtube machen. Das machen sie nebenher, Younes und Fiete arbeiten eigentlich in einer Grundschule. Marcel will sich bald selbstständig machen. Er und Fiete sind Mitte 20, Younes ist mit 30 Jahren der Älteste. Vierte im Bunde ist die Poetry-Slammerin Nemi el-Hassan, die heute allerdings nicht dabei ist. Für die Clips machen immer wieder auch andere Freunde mit, je nachdem, wer gerade Lust und Zeit hat.

Viele reden über Muslime, wenige mit ihnen

Im thematischen Fokus der „Datteltäter“ steht der Umgang von Gesellschaft und Medien in Deutschland mit dem Islam. Der, sagt Younes, ist ziemlich aus den Fugen geraten – besonders im Netz. In Foren und sozialen Medien wimmelt es einerseits von fremdenfeindlichen Bürgern, die Hass auf Flüchtlinge schüren, und andererseits von Propagandavideos von ISIS, die den Islam benutzen, um zum Töten aufzurufen. Beide Seiten agieren mittlerweile hochprofessionell in ihrer Meinungsmache, sagt Younes. Er und seine Freunde wollten mitreden in einer Debatte über den Islam, in der die Mehrheit der Muslime jedoch kaum zu Wort kommt. Bis auf Marcel sind alle „Datteltäter“ Muslime. Wie sich also Gehör verschaffen? „Die beste Waffe gegen Angst ist Humor“, sagt Younes; aus diesem Gedanken entstanden die Datteltäter. Auf ihrer Homepage spielen sie mit Reizwörtern. Dort verkünden sie, ein „Satire-Kalifat“ zu errichten, ein „Empörium zur zwanghaften Toleranz“. Vorurteilen sagen sie dem "Bildungsdschihad" an.

Beim Spaß den Ernst nicht vergessen

Ihr erstes Video ging vor einem Monat online. Titel: „Mit ISIS ins Weekend-Feeling“. Es lehnt sich an die berühmte Werbung aus den 90ern an, die mit einer fröhlichen Ohrwurm- Melodie Sahnejoghurt bewarb. Zu sehen war eine Familie, die nach einem Einkauf entspannt ins „Weekend-Feeling“ startete. Im „Datteltäter“-Clip kommen Fiete und Marcel als ISIS-Anhänger verkleidet vom Sprengstoffeinkauf. „Mit ISIS-Weltansichten, quälen, töten und vernichten! Hinein ins Höllenfeuer“, singen sie mit der Sahnejoghurt-Melodie.
Am Ende des Clips steht ein Zitat aus den Anmerkungen von Bertolt Brecht zu dessen Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Aturo Ui“: „Die politischen Verbrecher müssen durchaus preisgegeben werden und vorzüglich der Lächerlichkeit. (….). Dieser Respekt vor dem Töten muss zerstört werden.“ Der eben noch heitere Clip wird zur Kampfansage. „Uns ist wichtig, dass wir nicht nur Klamauk machen“, sagt Younes. Die Gründe der Extremisten seien lächerlich, die Lage jedoch ernst. Bisher hat der erste Clip der „Datteltäter“ rund 6000 Aufrufe.

Die Datteltäter: Fiete Aleksancer (links), Younes al-Amayra (oben) Marcel Sonneck und Nemi el-Hassan Foto: al-Amayra
Die Datteltäter: Fiete Aleksancer (links), Younes al-Amayra (oben) Marcel Sonneck und Nemi el-HassanFoto: al-Amayra

Noch sind sie relativ unbekannt. Doch fehlt es den Datteltätern weder an Motivation noch an Qualität. Jeden Sonntag treffen sie sich, einmal die Woche möchten sie ein Video hochladen. Am besten mittwochs, da ist besonders viel Traffick auf Youtube, hat Marcel gehört. Younes hat sich für die Videos professionelles Equipment zusammengekauft. Ton, Kamera, Schnittprogramm und Licht. Wie alles funktioniert, hat er sich selbst beigebracht. Während des Drehs ist er Regisseur und Kameramann gleichzeitig.

Das Feedback auf Youtube ist überwiegend positiv

Nach dem ersten Video haben die „Datteltäter“ fünf weitere Clips hochgeladen. Dabei greifen sie aktuelle Themen auf. Im jüngsten Video persiflieren sie das NPD-Video aus Trier. Sie hatten mit viel Kritik gerechnet. Gerade auf Portalen wie Youtube wird mit extremistischen Kommentaren nicht hinterm Berg gehalten. „Das Feedback war überwiegend positiv, das hat uns selbst überrascht“, sagt Marcel. Auch „Panorama“-Chefin Anja Reschke bekannte sich via Twitter zum Fan.

Die meisten scheinen Satire gegen den „Islamischen Staat“ zu begrüßen. Böse Kommentare bekamen sie erst, als sie einen Clip zum Neuköllner Kopftuchstreit – eine Muslimin sollte im Staatsdienst kein Kopftuch tragen – machten. „Der Islam ist einfach nur scheiße und gehört verboten“, schrieb ein User unter das Video.
So etwas kennen sie nicht nur aus dem Netz, sondern auch aus dem Alltag. Fiete ist mit 18 Jahren zum Islam konvertiert. Wenn ihm während des Ramadan jemand etwas zu trinken anbot, sagte er lieber, dass er keinen Durst habe, anstatt zu erklären, dass er faste. „Viele verhalten sich komisch, wenn ich ihnen sage, dass ich Muslim bin“, sagt Fiete. Solche Menschen wollen die „Datteltäter“ erreichen und ihnen klarmachen: Islam ist nicht gleich Fanatismus. Und: Auch Muslime können Satire.

Im „Panorama“-Video fragt ein Journalist eine Freitalerin: „Haben Sie keine Angst, wenn die Demonstranten Steine und Böller werfen?“. Die Frau antwortet: „Die werfen sie ja nicht auf Deutsche“. Fiete und Marcel lachen diesmal nicht. Trotzdem schreiben sie es auf, wandeln es zum Witz um. „Was diese Leute von sich geben“, sagt Fiete, „kann man sich selbst gar nicht ausdenken“.

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