Medien : Lampenfieber in der Blogosphäre

Michael Geffken

Seit einigen Monaten geht in einschlägigen Kreisen das Gerücht um, dass Weblogs – Online-Tagebücher – die ganz große Sache seien im aufkommenden Wahlkampf. Klaus Eck, Herausgeber des Weblogs „PR Blogger“, schwärmt: „Es gibt bereits zahlreiche Beispiele für einen heimlichen Online-Wahlkampf. Parteien, Bürger und Journalisten treffen an immer mehr Punkten im Web aufeinander und diskutieren über die schwarz- rot-grün-gelben Perspektiven in unserer Bundesrepublik.“

Machen wir die Probe aufs Exempel: Es ist Samstag, 12 Uhr 15, auf Phoenix läuft die Übertragung des Grünen-Wahlparteitags. Claudia Roth spricht am Rednerpult gerade einen rätselhaften Satz: „Solidarität ist der Kick, der unsere Gesellschaft zusammenhält“; Zeit also, um in den Online-Tagebüchern grüner Politiker nach Beiträgen zu den Kernthemen des Parteitags zu suchen. Spannend auch die Frage, ob ein Linksruck durch die Partei geht.

Erster Versuch: Katja Husen ist frauenpolitische Sprecherin und Mitglied im Bundesvorstand der Grünen. Da sollte in ihrem Web-Tagebuch Erhellendes zu einigen der Themen zu finden sein. Stattdessen: eine Klage über die Antragsflut auf dem Parteitag, verbunden mit einem Stoßseufzer: „In 36 Stunden ist alles vorbei. Damit muss ich auch meine Nerven beruhigen, denn ich soll reden – und ich hab doch so Lampenfieber!“

Zweiter Versuch: Matthias Berninger; der Parlamentarische Staatssekretär im Verbraucherministerium, ignoriert den Parteitag in seinem Weblog souverän, freut sich aber, dass er von seinem Landesverband wieder als Bundestagskandidat nominiert ist: „So viele Stimmen konnte ich noch nie auf meine Person vereinen.“

Wir freuen uns mit ihm und klicken in einem letzten Versuch zu Oswald Metzger. Der ist im Kampf um einen Listenplatz in Baden-Württemberg gescheitert und nimmt deshalb in seinem Weblog kein Blatt vor den Mund: „Der Programmentwurf für den Parteitag ist ein nicht finanzierbares Produkt aus der Abteilung Grünes Füllhorn.“

Die Chancen, in der Blogosphäre nachhaltige Erkenntnisgewinne zu erzielen, sind also noch suboptimal. Vorerst sollten interessierte Wähler aus Büdelsdorf oder Kleinmachnow weiterhin Ausschau nach den Wahlkampf-Ständen der Parteien halten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben