Land ohne Ratings : Die befreite Schweiz

Wenn die Fernsehforschung versagt: In der Alpenrepublik werden derzeit keine TV-Quoten publiziert. Anlass für Ärger oder für Aufbruch?

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Quotenfernsehen? Brauch’ ich nicht. Der geläuterte TV-Produzent Rainer (Moritz Bleibtreu) schmeißt im Kinofilm „Free Rainer“ seinen Bildschirm aus dem Fenster. Foto: Cinetext
Quotenfernsehen? Brauch’ ich nicht. Der geläuterte TV-Produzent Rainer (Moritz Bleibtreu) schmeißt im Kinofilm „Free Rainer“...Foto: Kinowelt/Cinetext

Ein ewiges Thema: Millionen meckern über das quotenbesessene Unterhaltungsfernsehen der öffentlich-rechtlichen Sender – Degeto-Schnulzen, Soaps, Fußball, Quatschtalk. Und blicken in diesen Tagen sehnsüchtig in die Schweiz. Der Forschungsinstitution Mediapulse gelingt es nicht, dort aktuelle TV-Quoten zu publizieren. Schuld ist der Wechsel zu einem neuen Messverfahren. Zuerst soll es technische Probleme gegeben haben, dann meldeten einige Sender Widerspruch an, weil sie aufgrund der neuen Daten wohl schlechter wegkommen als früher.

Die neuen Geräte in den ausgewählten Haushalten, die das Zuschauerverhalten aller Schweizer widerspiegeln sollen, funktionieren einwandfrei, sagt Nico Gurtner von Mediapulse. Einzelne Unstimmigkeiten habe es in der Aufbereitung der Messdaten gegeben. Die seien jetzt behoben. Da aber einzelne Kundengruppen Skepsis bei der Plausibilität der vorliegenden Daten geäußert hatten, entschied der Verwaltungsrat der Mediapulse, die Daten vor der Publikation von einer Expertengruppe überprüfen zu lassen. Bis Mitte, Ende März könne dieser quotenlose Zustand noch andauern.

Fakt ist: Seit Anfang des Jahres ist die Fernseh- und Werbebranche in der Schweiz im Blindflug unterwegs, heißt es im Medien-Blog der "NZZ". Keine Ahnung, ob „Tatort“, „Bumann der Restauranttester“, „Die Ferienprofis“ oder „Bachelor“ gefloppt sind. Die Schweizer Fernsehmacher wissen seit zwei Monaten nicht mehr, was ankommt und was nicht, sie können nicht mit Minderheiten oder Mehrheiten argumentieren, im Guten nicht und nicht im Schlechten.

Quote weg, schlechtes Fernsehen weg? Vielleicht ist das, gerade für einen öffentlich-rechtlichen Sender wie dem Schweizer Fernsehen SRF, eine ungeheure Befreiung, ohne Quotendruck senden zu müssen. „Nein, wir erachten die Situation als unbefriedigend, unsere Redaktionen können im Moment einen wichtigen Gradmesser zur Sendungsbeurteilung nicht nutzen“, sagt SRF-Sprecherin Andrea Hemmi.

Und in Deutschland? Seit Jahrzehnten streiten sich Kritiker, Schauspieler, Regisseure, Politiker sowie öffentlich-rechtliche und private Fernsehanstalten, ob sich ARD und ZDF als Gegenleistung für die Gebühr, für den Rundfunkbeitrag nicht der Quoten-Huberei entledigen sollten (abgesehen davon, dass das Zuschauer-Erfassungssystem, welches die immer wichtiger werdenden Mediathekenabrufe noch unberücksichtigt lässt, durchaus infrage zu stellen ist). Geht nicht, erklärt beispielsweise ZDF-Chefredakteur Peter Frey gebetsmühlenartig. Damit bekämen ARD und ZDF ein Legitimationsproblem. Der Blick auf die Quoten gehöre dazu, um ein breites und vor allem jüngeres Publikum an die Programmangebote zu binden. Man mache den Job, den die Beitragszahler erwarten. ARD/ZDF-Digitalkanäle ermöglichen spezialisierte Angebote, man müsse mehrheitsfähig sein.

Auf der anderen Seite fordern Redakteure, Regisseure, Autoren ein Programm mit Würde und gesundem Menschenverstand. Wer Castingshows, Champions-League oder das x-te Quiz gucken will, kann zu den ausschließlich werbefinanzierten Sendern RTL, Pro7 oder Sat1 schalten. Wozu seien die 17,98 Euro Beitrag monatlich an ARD/ZDF sonst nötig, wenn nicht zur Erfüllung und Ausgestaltung dessen, was es sonst nirgends im Fernsehen gibt? Vielfalt, Anspruch, Nachhaltigkeit. So der Tenor neulich auf einer Podiumsdiskussion der Deutschen Akademie für Fernsehen während der Berlinale. FDP-Politiker Wolfgang Kubicki warf den öffentlich-rechtlichen Sendern vor, durch die Verschiebung von anspruchsvollen Angeboten in die Spartenkanäle wie ZDFneo dem Hauptprogramm wichtige Aspekte zu entziehen. Stellt sich die Frage, ob das dem Programmauftrag entspreche.

Okay, das Schweizer Fernsehen wird jetzt natürlich nicht in ein paar quotenlosen Wochen deutlich anspruchsvoller werden. Dennoch: „Ein Wahnsinn! Endlich! Die Quotenrevolte! ,Free Rainer’ wird Wirklichkeit!“, jubelt Regisseur Hans Weingartner, der 2007 in seinem Kinofilm „Free Rainer – dein Fernseher lügt“ der Utopie eines quotenunabhängigen, anspruchsvollen Fernsehens Ausdruck verliehen hat.

Individueller Widerstand gegen die Verhältnisse. Moritz Bleibtreu spielte den TV-Produzenten Rainer (Motto zunächst: „Die Zuschauer wollen Titten sehen und wissen, wie man Steuern spart“), der beschließt, sein Leben zu ändern, den Fernseher aus dem Fenster schmeißt und in einem Guerilla-Feldzug Quotenmessgeräte klaut. Eine schöne Utopie. Die im Alpenland wegen technischer Probleme Wirklichkeit geworden ist. Kritiker freuen sich. Statt sich über versagende Fernsehforscher zu empören, hätte die Branche nun Zeit, ein bisschen genauer nachzudenken über das, was Medienqualität ausmacht. Sich zu fragen, ob besserer Journalismus gelingt, wenn man nicht ständig auf die Einschaltquoten starrt. Dass so etwas auch in Deutschland passiert, schließt die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), die die Quoten mit demselben Messsystem erhebt wie die Schweizer Kollegen, aus. Leider.

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