Medien : Landminen im Stadtwald

Der neue „Tatort“ ist so gut gemeint, dass er im Bundestag Vorpremiere hatte

Thomas Gehringer

Die Eingangsszene wirkt wie eine Videobotschaft der Anti-Landminen-Kampagne. Etwas explodiert. Ein Jogger fällt blutüberströmt zu Boden. Zwischengeschnitten Szenen aus Afrika: Ein Kind mit nur einem Bein spielt Fußball, ein anderes trägt eine Prothese. Der Jogger blinzelt ein letztes Mal in den Kölner Himmel. Die Kamera zoomt weg, man sieht, dass ihm die Explosion denUnterschenkel abgerissen hat.

Der „Tatort: Minenspiel“ hat eine eindeutige Botschaft: Wie schrecklich es ist, wenn der Boden unter den Füßen nicht mehr sicher ist. Und weil das eine politische Botschaft ist, wurde diese „Tatort“-Folge bereits im Bundestag gezeigt. Die Darsteller der beiden Kölner Kommissare Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär sowie deren Chef Ulrich Deppendorf waren mitgekommen und referierten vor dem Menschenrechteausschuss des Parlamentes recht kenntnisreich über die weltweite Gefahr von Landminen.

Nur ereignet sich im „Tatort“, wie gesagt, die Minenexplosion in Deutschland, in einem Kölner Wald. Bisher fürchtete man sich dort als Jogger allenfalls vor Hunden. Wer es unglaubwürdig findet, dass es in Deutschland Minen-Opfer geben könnte, „muss in den letzten Jahren den Kopf in den Sand gesteckt haben“, sagt Autor Karl-Heinz Käfer. Seine Warnungen („Wir sind angreifbar geworden“) wirken etwas übertrieben.

Im neuen „Tatort“ wurde die Mine mit Absicht auf den Jogging-Pfad eines Unternehmers platziert. Das Opfer baut in seiner Firma Maschinen zur Minenräumung und ist zugleich Vorsitzender der Stiftung „Land statt Minen“, die sich in Angola engagiert. Später wird ein weiterer Anschlag auf ein anderes Vorstandsmitglied verübt. Er trifft allerdings seinen Sohn, und so gibt es in der Folge weitere Szenen, die eindringlich darauf hinweisen, dass besonders die Kinder das Opfer von Geschäftemacherei sind.

Die „Tatort“-Reihe spielt hin und wieder ein doppeltes Spiel voller guter Absichten. Dann will sie unterhalten und zugleich aufklären, doch dieser Film stellt sich wie kaum ein „Tatort“ zuvor in den Dienst der Sache. 1998 hatte das Kölner Team mit „Manila“ ein ähnliches Konzept verfolgt: Damals ging es um Kinderprostitution. In „Minenspiel“ werden in den Dialogen Informationen über die Verbreitung von Landminen und die Folgen für die Zivilbevölkerung eingeflochten. Deutlich wird auch ein Spannungsfeld: Sind die Motive von Hilfsorganisationen immer frei von wirtschaftlichen Interessen? Und ist es nicht am Ende besser, wenn Unternehmen mit dem Minenräumen statt der Minenproduktion Geld verdienen? Mehr als Antippen kann ein Krimi solche Fragen nicht, an der eigenen Haltung lässt der „Tatort“ freilich keinen Zweifel: Das Schlussbild ist als Aufforderung zu verstehen, sich am Protest gegen die anhaltende Verbreitung dieser Waffe zu beteiligen. Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) trägt, schwer mitgenommen, seine alten Schuhe beim Berg Schuhe vor dem Kölner Dom vorbei, der an die jährlich über 20 000 Minenopfer erinnern soll.

Es ist kein Fehler, wenn sich das Fernsehen auch in populären Unterhaltungsformaten wichtigen Themen widmet und nicht nur als billige Folie nutzt. Käfer („Mein Vater“) und Regisseur Torsten C. Fischer („Doppeltes Dreieck“) vermitteln ihre Botschaft zuweilen plakativ, aber sie erzählen auch eine spannende Geschichte mit überzeugenden Ermittlerfiguren.

Nur schade, dass Afrika wie so oft vornehmlich als Klischeebild für Katastrophen und Elend herzuhalten hat. Für „Manila“ ließ der WDR noch auf den Philippinen drehen. In „Minenspiel“ hat der Minenräumungsmaschinen-Fabrikant zwar eine aus Angola stammende Ehefrau. Aber auch die vielen tiefgründigen Blicke aus ihren dunklen Augen können nichts daran ändern, dass der Teil der Erde, wo Minenfallen tatsächlich Teil des Alltags sind, hier nur eine ferne Kulisse ist.

„Tatort: Minenspiel“: ARD, 20 Uhr 15

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