Medien : "Lass mich nicht allein": Zwei Menschen ohne Halt

Thomas Gehringer

Es ist ein schöner Frühlingstag in Bonn, der Lange Eugen glitzert in der hellen Sonne und das ehemalige Regierungsviertel wirkt heute besonders verschlafen. Ein paar Schritte vom einstigen Abgeordneten-Hochhaus entfernt inszeniert ein Filmteam jedoch düsteren Herbst, lässt Regen auf ein Hausdach prasseln und leuchtet eine Wohnung in der Heinrich-Brüning-Straße 7 nur spärlich aus. Dort wird die Uhr der deutschen Geschichte zurückgedreht, es ist nun ein Oktobertag im Jahr 1992: Gert Bastian, angeschlagen nach einem Unfall, liegt im Bett und löffelt eine Dosensuppe. Petra Kelly sitzt auf der Bettkante: "Wir wollten Bonn verändern", sagt sie. "Was haben wir davon geträumt. Aber Bonn hat uns verändert." Und nach einer kurzen Pause: "Manchmal möchte ich mich ... " Petra Kelly stockt, so dass Gert Bastian nachfragt: "Was?" "... in Luft auflösen." Es ist eine Szene, die von dem Darsteller-Duo Dagmar Manzel und Michael Mendl bedächtig gespielt wird. Es soll Zeit bleiben für ausdrucksstarke Blicke, für das Unausgesprochene, für die Atmosphäre des Augenblicks. Im Drehbuch ist es Szene 96. Nur vier Szenen weiter wird Gert Bastian seine Lebensgefährtin im Schlaf erschießen, und in Szene 101 hält er seine Waffe an den eigenen Kopf.

Der Tod der beiden Grünen-Politiker erschütterte vor neun Jahren die Republik. Bei der Schilderung des Tathergangs habe man sich an die Polizeiprotokolle gehalten, erklärt Regisseur Andreas Kleinert. Doch der Dialog im Schlafzimmer am Tag davor ist natürlich reine Fiktion, ausgedacht für einen WDR-Film, der die Geschichte des ungleichen Paares nacherzählen möchte (und voraussichtlich im Oktober unter dem Titel "Lass mich nicht allein" in der ARD ausgestrahlt wird).

Fern vom Spektakel

So immerhin könnte es gewesen sein, meinen Kleinert und Drehbuch-Autor Wolfgang Menge. Das finale Drama wird "ganz bescheiden, reduziert, vorsichtig" inszeniert, sagt Kleinert. Gerade nicht als scham- und hemmungsloses Spektakel wie in dem Theaterstück "Das Ende der Paarung" von Franz Xaver Kroetz. Den tödlichen Schüssen gehen auch nicht Hasstiraden zwischen Kelly und Bastian voraus. Kleinert sieht den Tod der beiden "wie eine Implosion - von zwei Menschen, die keinen Halt mehr haben". Was war das nur für eine Beziehung zwischen Petra Kelly, der unermüdlichen Kämpferin für Gewaltfreiheit, und dem deutlich älteren, ehemaligen Bundeswehr-General Gert Bastian? "Die Klischees sind: die hysterische Ziege, die sich übernommen hat, und der alte Weiberheld. Wir versuchen eigentlich immer dagegen anzugehen und erzählen mit Respekt und Achtung vor zwei sehr komplizierten, vielgestaltigen Charakteren, die wiederum exemplarisch sind für viele Beziehungen", sagt Kleinert. Der Film stütze sich vor allem auf die Recherche von Alice Schwarzer, veröffentlicht bereits vor Jahren in dem Buch "Eine tödliche Liebe". Mit ihr habe es vor den Dreharbeiten sogar den intensiveren Kontakt als zu Wolfgang Menge gegeben. Mit Menge liege er zwar "nicht im Clinch", aber es gab doch Differenzen "um ästhetische Fragen", sagt Kleinert. "Ich will nicht nur sprechende Köpfe. Es muss eine cineastische Sinnlichkeit haben." Einig sei man sich jedoch über die inhaltliche Ausrichtung des Films. Und so werden neben der fragilen Beziehung von Kelly und Bastian vor allem die Anfangsjahre der Grünen wieder aufleben.

Petra Kelly war - lange vor Joschka Fischer - der Star der Grünen, als die alternative Partei 1983 erstmals in den Bundestag einzog. Die Deutsch-Amerikanerin war schon Ende der 60er Jahre in den USA politisch aktiv, eine zierliche Frau, die bis zur Erschöpfung für die Ziele der Umwelt-, Frauen- und Friedensbewegung stritt. Zu den ersten Bonner Abgeordneten zählte auch der ehemalige Panzergeneral Gert Bastian, der als Gegner der Nachrüstungspolitik von SPD-Kanzler Helmut Schmidt die Bundeswehr verlassen hatte. Wie konnte es geschehen, dass beide nach wenigen Jahren so isoliert waren, dass ihre Leichen erst nach mehr als zwei Wochen in der Bonner Wohnung gefunden wurden? Hier öffnet sich ein finsteres Loch in der Geschichte der heutigen Regierungspartei. Und Andreas Kleinert ist entschlossen, einen Blick hineinzuwerfen. "Das Verhältnis zu den Grünen, dieser Hass, dieser Neid, das wird stark ins Zentrum gerückt", sagt der Regisseur, der wie Hauptdarstellerin Dagmar Manzel in der DDR aufgewachsen ist. Die im Jahr 2000 für ihre Rolle als Eva Klemperer mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete Berlinerin Manzel schwärmt geradezu von der Kelly. "Ihre Kompetenz hat mich unglaublich beeindruckt", sagt sie. "Und dann sieht man, wie der politische Alltag in der Partei diese Frau auffrisst, sie zerstört. Wie versucht wird, die Petra Kelly, die nicht taktiert hat, die nicht verlogen war, innerhalb und außerhalb der Partei fertigzumachen." Immerhin darf die heutige und einstige Partei-Prominenz beruhigt sein: Es wird in dem Film keine weiteren authentischen Figuren geben, keinen Joschka Fischer und Otto Schily, auch nicht eine Jutta Ditfurth oder Antje Vollmer. Vielmehr werde das "Hass-Umfeld der Petra Kelly" (Kleinert) in einer einzigen Gegenspielerin konzentriert.

Gedreht wird auch an einigen Originalschauplätzen wie dem ehemaligen Bundestag. Das Reihenhaus an der Swinemünder Straße in Bonn, wo das wirkliche Drama geschah, kam als Drehplatz nicht in Frage. Doch die Inneneinrichtung im Ausweichquartier Heinrich-Brüning-Straße reicht ans Original heran, meint Kleinert. Es ist eine merkwürdige Mischung aus kleinbürgerlichem Lebensstil und politischem Protest-Ambiente. Die biederen Möbel, die Enge, die Unordnung - überall Bücher, Ordner, Flugblätter, an den Wänden die Vorbilder Martin Luther King und Rosa Luxemburg, Polit-Poster und Fotos. Darauf Petra Kelly mit Heinrich Böll, oder Petra Kelly mit ihrer Halbschwester Grace P. Kelly bei einer Papst-Audienz. Das Mädchen an ihrer Seite hat das Auge verbunden, es starb 1970 im Alter von zehn Jahren nach quälenden Bestrahlungen an Augenkrebs. Für Petra Kelly war dies ein Schlüsselerlebnis, das sie zum Kampf gegen die Atomenergie motivierte.

Das Foto hängt am heutigen Drehtag unbeachtet in einer Zimmerecke; das Filmteam bewegt sich mit professioneller Achtlosigkeit durch die detailreiche Kulisse. Und die Schauspieler müssen wieder neu geschminkt werden, weil als nächstes der Einzug von Gert Bastian bei Petra Kelly auf dem Drehplan steht. Die Anweisung lautet: "Maske auf jung".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben