Medien : Lasst Knochen sprechen

Die Sender Arte, ZDF und WDR wollen das Bild vom Neandertaler korrigieren

Thomas Gehringer

Er war ein Jäger, klein und kräftig, hatte ausgeprägte Wölbungen über den Augen und ernährte sich im rauen Eiszeitklima fast ausschließlich von Fleisch. Die ersten Knochenfunde dieser vor rund 30 000 Jahren ausgestorbenen Menschenart wurden 1856 von Steinbrucharbeitern im rheinischen Neandertal bei Düsseldorf gefunden. Der Neandertaler ist kein direkter Vorfahre der heutigen Menschen. Vielleicht auch deshalb hielten ihn Forscher lange Zeit für einen tumben Toren, der nach über 250 000 Jahren zu Recht von der Bühne verschwand, als der clevere Homo sapiens in Erscheinung trat. Der 150. Jahrestag seiner Entdeckung bietet nun die Gelegenheit, mit Hilfe des Fernsehens und der Sender Arte, ZDF und WDR seinen Ruf aufzupolieren.

„Neandertaler waren denkende, fühlende, intelligente Wesen. Es waren Menschen und nicht Keulen schwingende Deppen“, sagt der Tübinger Frühgeschichtler Ralf W. Schmitz. Unter seiner Leitung untersuchen Forscher seit 15 Jahren die Knochen. In der „ZDF Expedition“ ist Schmitz als Mann mit dem Koffer zu sehen, der die Knochen von einem Kollegen zum nächsten trägt. Und die Knochen haben einiges zu erzählen: Zum Beispiel, dass der vor 42 000 Jahren verstorbene Mensch eine Verletzung am linken Arm erlitten hatte, danach aber noch jahrelang weiterlebte, obwohl der Arm steif wurde. Die Forscher folgern daraus, dass sich sein Clan um ihn gekümmert hat – der Neandertaler war also ein soziales Wesen, der möglicherweise sogar Heilmittel kannte.

Das Fernsehen freilich verlangt nach mehr: Erstmals wird nach den Schädelknochen auch der Kopf des Neandertalers von 1856 modelliert. Zudem hat ZDF-Autorin Ruth Omphalius ihre eindrucksvolle Forscher-Leistungsschau mit inszenierten Spielszenen garniert, eine heute übliche Methode mit ganz eigenen Problemen. Denn das an teure Spielfilmproduktionen gewohnte Auge wird trotz allen Aufwands nicht befriedigt. Und Wissenslücken werden mit Fantasie aufgefüllt. So wurden zwar Farbreste gefunden, aber keine Kunstwerke. Haben sie also die eigenen Körper bemalt wie im Film? Zu Beginn sieht man, wie der erwachsene „Teacher“ dem jungen „Aka“ das Zeichen des eigenen Clans auf die Stirn malt.

Gewiss ist, dass den Neandertalern nur in der Gemeinschaft das Überleben möglich war. Ein vor Jahren gefundenes Zungenbein legt die Vermutung nahe, dass sie auch miteinander sprachen. Für den Film behalf man sich mit Lauten, die sich an Inukitut, der Sprache der Inuit, anlehnten. Wie sie wirklich geklungen haben, wird man nie erfahren. Als sicher gilt auch, dass verschiedene Clans Kontakt miteinander hatten, denn nur mit Inzucht hätten es die Neandertaler nicht weit gebracht. Am Ende des Films tauschen Aka und ein fremdes Mädchen bei einem Clan-Treffen verliebte Blicke aus. Spätestens da erscheint die frühzeitliche Welt etwas fernsehgerecht weich gespült.

Rauer – und filmisch interessanter – geht es bei dem britischen Autoren Tony Mitchell zu, dessen Dokumentation „Neandertaler“ aus dem Jahr 2000 von Arte als Zweiteiler ausgestrahlt wird. Das Problem mit der Fortpflanzung löst er anders: Die Frau eines fremden Clans wird gewaltsam geraubt. Und auch sonst sind die Neandertaler weniger hübsch als beim ZDF, sie haben schlechtere Zähne und wulstigere Nasen. Ihre Höhlen sind voller Exkremente, Kadaverreste und Ratten. Kurz: Als Zuschauer ist man eher geneigt, Tony Mitchell zu glauben, der den durchweg aus Spielszenen bestehenden Film nur aus dem Off kommentiert und ganz auf Experten verzichtet. Sein Neandertaler wird als „Triumph der Evolution“ präsentiert, als kräftiger, zäher Bursche, wie geschaffen für die Eiszeitwelt. Dafür schminkt er sich nicht und guckt auch nicht verliebt.

Doch gerade die zentrale These des Films – der eine musste weichen, weil der andere auftauchte – ist umstritten. Auge in Auge stehen sich Neandertaler und der größer gewachsene, weniger behaarte, intelligenter wirkende Homo sapiens gegenüber. Während der eine vergeblich versucht, einen Fisch mit bloßen Händen zu fassen, bohrt der andere den Fisch auf seinen Spieß. Seltsam: Hier wird der Neandertaler, sonst als geschickter Jäger präsentiert, wieder zum grobschlächtigen Trottel. Die Begegnung wäre immerhin möglich gewesen. Gemeinsam bevölkerten sie 4000 Jahre lang Europa.

Über die Gründe für das Verschwinden der Neandertaler hätte man auch gerne beim ZDF etwas erfahren. Doch das fehlt dort ebenso wie andere einordnende Fakten fürs große TV-Laienpublikum. Vielleicht weiß Ranga Yogeshwar mehr. Am Dienstagabend ist der Neandertaler das Thema bei „Quarks & Co.“

„ZDF Expedition: Der Neandertaler – Was wirklich geschah“, 16. Juli, 19 Uhr 30; „Neandertaler“: Arte, 15. und 22. Juli, jeweils 20 Uhr 40; „Quarks & Co.“: WDR, 18. Juli, 21 Uhr

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