Late-Night-Show : Der Allmächtige

Pocher ist weg, dafür taucht eine neue Frau auf - die Stärken und Schwächen des neuen Teams von Harald Schmidt. Eine Analyse.

Markus Ehrenberg,Joachim Huber
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Harald Schmidt.Foto: WDR

Ein Stand-up, ein Schreibtisch, eine Liveband, Zuspielfilme, ein Gast – auf den ersten Blick kehrt Harald Schmidt mit seiner neuen Show zu seinen Late-Night-Wurzeln zurück, nur nicht täglich, sondern wöchentlich. Auf den zweiten Blick hat sich der Altmeister die Latte außergewöhnlich hoch gehängt. Weniger Wegwerfgags, mehr satirisches Korrektiv, Politik, Wirtschaft und Kultur, wie es Schmidt in der Sommerpause im „Satiregipfel“ ausprobiert hat. Dieter Hildebrandt, Johnny Carson und Claus Peymann in einem – Harald Schmidt will sich neu erfinden und braucht dafür Platz. Umso erstaunlicher, dass sich der Altmeister ein sechsköpfiges Team vor die Kameras holt, das sich „wie ein Theaterensemble“ um den Moderator scharen soll, dazu fünf Autoren.

ZUGÄNGE

Prominentester Zugang in Schmidts „Wunschteam“: Katrin Bauerfeind. Die studierte Technikjournalistin machte sich einst mit der Internet-TV-Sendung „Ehrensenf“ einen Namen als Moderatoren-Geheimtipp, ehe sie mit diversen Gala-Präsentationen und dem Popkulturmagazin „Bauerfeind“ ein bisschen zu einer Art 3sat-Model mutierte. Schon mal ein Hingucker ähnlich wie früher Natalie Licard, die Frau fürs Studio. Möglich, dass Bauerfeind im Laufe der Zeit Schmidts’ Sidekick à la Manuel Andrack werden wird.

Im Dreierpack kommen Caroline Korneli, Jan Böhmermann und Pierre M. Krause daher, bekannt aus „TV Helden“. Die Piloten der RTL-Comedy sind für den Deutschen Fernsehpreis und den Deutschen Comedypreis nominiert. Das Trio hatte von sich reden gemacht, als es vorgab, den ersten türkischen Karnevalsverein in Köln gegründet zu haben – dem ging prompt die Kölner Presse auf den Leim. Schmidt dürfte seinen Haus-Comedians in 45 Minuten Wochen-Show nicht gerade Sketche und Live-Schalten in Spielfilmlänge einräumen, wenn er noch eine satirische Korrektur zum Wahlkampf anbringen will. Immerhin: Von rund zwei Einsätzen pro Sendung spricht „TV Helden“-Produzent Friedrich Küppersbusch.

Ebenso gespannt darf man auf die Verwendung von Peter Richter sein. Vielleicht wird der Neue, Jahrgang 1973, Schmidts junger Intellektueller, vor allem in Sachen neue Medien. Der Autor und „FAZ“-Kolumnist hat drei Bücher in die Welt gesetzt (u. a. „Blühende Landschaften – eine Heimatkunde, „Gran Via – Spanische Vorkommnisse“) und moderiert wöchentlich die Videokolumne „Richterspruch“ auf FAZ.net. Mit Richter hält sich Schmidt gute Beziehungen zu seinem Frankfurter Hausblatt. Der Schirrmacher-Touch. Da können die Kritiken im Feuilleton schon mal nicht ganz schlecht sein.

Bei so vielen neuen Gesichtern gehört Dr. Udo Brömme alias Redaktionsleiter Ralf Kabelka nebst Bandleader Helmut Zerlett zu Schmidts Hofstaat. Hoffentlich peppt die fiktive Figur des CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Brömme den Wahlkampf noch ein bisschen auf. Laut Vita genießt Brömme „das volle Vertrauen der Kanzlerin“. Viele Fans der alten Schmidt-Show aus Sat-1-Zeiten wollen schon mal wegen Deutschlands lustigster Kunstfigur einschalten und dabei Horst Schlämmer vergessen.

ABGÄNGE

Das ist nicht nur ein Abgang, das ist ein kompletter Systemwechsel: Oliver Pocher ist weg, der ein Jahr lang an der Seite von Harald Schmidt saß. War er Praktikant, Lehrling, Counterpart? Für die Schmidt-Sekte war der Pro-Sieben-Comedian der größte anzunehmende Irrtum in der Late-Night-Geschichte. Jetzt wird Pocher totgeschwiegen. Wer den Vornamen erwähnt, fliegt. Allerdings war Pocher so freundlich, die Vorbehalte gegen seine Person zu füttern, als er neben der Schmuckdesignerin Sandy Meyer-Wölden zu liegen kam. Für die reinkarnierte Schmidt-Kulturshow wäre es eine Schande, über das It-Girl und ihre Wunderstunde ein Wörtchen zu verlieren.

Schon bei der „Schmidt & Pocher“-Show hatte Nathalie Licard nur noch wenige Auftritte. 1997 war die Französin als Praktikantin zur Schmidt-Truppe gestoßen, ihre Deutschkenntnisse eignete sie sich im Laufe der Show an. Spitzname: „La voix“, was Wunder, wenn sie „Aus dem Stüdiö 449 in Köln die ,arald Schmidt Show. ,heute mit …“ in die Wohnzimmer hauchte. Auftritte mit Gesang in der Show, später Straßenumfragen, das war Licards Ding. Da jeder, der neben Schmidt auftreten darf, berühmt wird, war Nathalie Licard irgendwann auch berühmt. Jetzt muss sie ohne Schmidt ihren Ruhm mehren. Dieser nimmt übrigens an, dass er mit neuer Show und neuem Team „die Erwartungen übertreffe“.

„Harald Schmidt“, ARD, 22 Uhr 47

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