Le-Monde-Rettung : Vor dem Neuanfang

Der Aufsichtsrat von „Le Monde“ stimmt für Verhandlungen mit Kunstmäzen Bergé und seinen Partnern. Zusammen wollen sie 110 Millionen Euro investieren.

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„Le Monde“, die vor der Insolvenz stehende bedeutendste Zeitung Frankreichs, ist noch nicht gerettet, aber auf gutem Weg zu einem Neuanfang. Ende vergangener Woche hatten sich Redakteure und Verlagsmitarbeiter mit überwältigender Mehrheit für die Annahme des Finanzierungsangebots von Kulturmäzen Pierre Bergé, Bankier Matthieu Pigasse und Internetunternehmer Xavier Niel ausgesprochen. Jetzt stimmte der Aufsichtsrat des Verlags für exklusive Verhandlungen mit der Gruppe um Bergé, den ehemaligen Lebensgefährten von Yves Saint Laurent. Zur Rettung und Weiterentwicklung der Zeitung haben sie eine Finanzspritze von 110 Millionen Euro zugesagt. Damit werden sie zu Mehrheitsaktionären der Le Monde S.A. Im Vorgriff auf den Abschluss der auf drei Monate Dauer veranschlagten Verhandlungen werden sie bis 5. Juli zehn Millionen Euro bereitstellen, um die drohende Zahlungsunfähigkeit der Zeitung abzuwenden.

Dem Votum waren Gerüchte vorausgegangen, wonach mehrere Aufsichtsratsmitglieder Druck ausübten, sich über den Willen der Redakteure hinwegzusetzen und für das Konkurrenzangebot zu stimmen, das Claude Perdriel, der Verleger des Wochenmagazins „Le nouvel observateur“ zusammen mit der spanischen Prisa-Gruppe, die beide schon Aktionäre von „Le Monde“ sind, sowie dem Telefonkonzern Orange eingereicht hatte. Für dieses Angebot hatte sich Staatspräsident Nicolas Sarkozy gegenüber Eric Fottorino, dem Direktor von „Le Monde“, stark gemacht. Um einen Zusammenstoß zu verhindern, zog Perdriel sein Angebot zurück und übertrug sein Stimmrecht an den Vorsitzenden des Aufsichtsrats, Louis Schweitzer – mit der Maßgabe, für Bergé, Niel und Pigasse zu stimmen. Damit war die erforderliche Mehrheit von elf der 20 Stimmen des Gremiums gesichert.

„Le Monde“ leidet, wie andere französische Zeitungen, seit Jahren unter sinkenden Auflagezahlen, schwindenden Anzeigenerlösen und wachsender Konkurrenz aus dem Internet. 2009 verkaufte das angesehene Blatt, das seit seiner Gründung 1944 als Abendzeitung am Nachmittag mit dem Datum des nächsten Tages erscheint, im Durchschnitt 288 000 Exemplare, 4,14 Prozent weniger als im Jahr davor. Mit tausend Beschäftigten, 280 davon Journalisten, verzeichnete der Verlag 2009 einen Verlust von 25 Millionen Euro. Bis 2012 sind 75 Millionen von mehr als 100 Millionen Euro Schulden zurückzuzahlen. Dieser Schuldenberg verdankt sein Entstehen auch der riskanten Expansion in andere Medien, mit der „Le Monde“ die Krise zu überwinden hoffte.

„Wir betrachten ‚Le Monde’ als ein gemeinsames Gut“, erklärten Bergé und Partner nach der Abstimmung. Aus dieser Überzeugung engagieren sie sich, „ihr Projekt in völliger Unabhängigkeit zum Erfolg zu führen“. Das redaktionelle Angebot wollen sie durch einen Ausbau der Wochenendausgabe sowie Investitionen in Internet-Tochter lemonde.fr verbessern. Das Vetorecht der Redakteure, gegen deren Willen bisher kein Herausgeber berufen werden konnte, soll erhalten bleiben. Über eine Stiftung wollen sie zudem 15 Millionen Euro einbringen, um den Redakteuren in der künftigen Holding-Gesellschaft der „Le Monde“-Gruppe eine Sperrminorität einzuräumen.

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