Medien : Leben mit den Raketen

ARD-Reporter bereisen den Norden Israels

Caroline Fetscher

„Katjuscha-Land“ nennen sie in Israel den Norden, der seit Jahrzehnten im Visier der Hisbollah liegt und seit Jahrzehnten beschossen wird. Hier hat jedes Haus einen Schutzraum. Im Dorf Karge aber grüne Hügel, Klimaanlagen, Wäscheleinen und Balkone an den Fassaden, verdorrende Gärten, Handyklingeln – die Szenerie erscheint harmlos, normal, für jeden in der „Ersten Welt“ sind alle Umstände und Gegenstände einzuordnen. Nur nicht der Krieg. Der aber ist, so zeigt die verhaltene, empathische ARD-Dokumentation „Reise durch Katjuscha-Land“, für die Bewohner der grenznahen Region Israels seit Jahrzehnten Alltag. Nicht erst in diesem Krieg und trotz der Präsenz einer Uno-Schutztruppe. Vielleicht liegt es an dieser Alltagsstimmung, dass der kluge Film einen so lapidar wirkenden und damit umso eindrucksvolleren Ton findet.

„Seit ich acht Jahre alt war“, erklärt die Mutter von fünf Kindern im Schulalter in dem kleinen Ort Margalijot, „kenne ich die Katjuschas“. Sie waren immer wieder da. Nur zum Duschen und Kochen verlässt sie den Bunker. Obwohl eine Uno-Resolution die Entwaffnung der Hisbollah-Milizen vorsah, obwohl Israel sich unter der Regierung von Ehud Barak aus dem Südlibanon vollständig zurückgezogen hat, blieb das Land Zielgebiet der „Katjuschas“, bereitgestellt von Hisbollah-Freunden wie Iran und Syrien. Im Bunker von Margalijot, dessen siebzig Familien fast alle ins Landesinnere geflüchtet sind, tummeln sich die fünf Kinder der stoisch wirkenden israelischen Mutter auf Decken, Matratzen und vor dem Fernseher. Sie malen mit Buntstiften, albern herum, sprechen vor der Kamera über ihre Angst, als ginge es um Klassenarbeiten in Mathematik. Schon ihre Eltern und Großeltern haben ihnen vermittelt, dass die Belagerung durch undurchschaubare Widersacher „normal“ ist. Zu den vielen Vorzügen dieser jenseits des Sensationsjournalismus gedrehten Filmerzählung gehört es, eine Atmosphäre einzufangen, die über die Bilder, Szenen und Zitate hinausweist. Nichts explodiert. Leute warten, plaudern, hören Nachrichten oder Rap-Musik, telefonieren mit dem Handy, beruhigen die Mutter, die anruft. Jael in Haifa geht das auf die Nerven: „Ich war gerade bei ihr.“ Sie sei okay, sagt sie der Mutter. Sie würde gern studieren, aber die Universität Haifa hat immer wieder geschlossen in diesen Wochen.

Maja und Shlomo feiern ihre Hochzeit im Bunker, das Buffet sieht gut aus. Der Hafen Haifa hat bis zu achtzig Prozent Umsatz eingebüßt in diesem Krieg. In Naharija verliert Sasha Blitzblau nie die Ruhe, Sohn und Schwiegertochter wirken auf den 92-Jährigen, der 1934 aus Dresden flüchtete, viel zu nervös. Er verweigert sich dem Bunker und bleibt in seiner Wohnung. „Es gibt keinen Platz, an dem es besser ist“, versucht er den Jüngeren beizubringen. Sein Tonfall, wenn er Deutsch spricht, klingt sächsisch-hebräisch. Allein dieser private Dialekt berichtet eine ganze Geschichte aus Erschütterungen, Mut und Überleben.

„Reise durch Katjuscha-Land“, ARD, 0 Uhr 25

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