Medien : Leben und Sterben des Jörg Fauser

Ulrich Rüdenauer

Rohstoff - Der Schriftsteller Jörg Fauser. 3sat, 23 Uhr 15. Christoph Rüters Porträt des Schriftstellers Jörg Fauser beginnt wie ein Tatort aus den 70ern: Düstere Wolken und dunkle Musik dräuen über der Autobahn. Wir fahren einem Unheil entgegen, das sagen die schwarz-weißen Bilder, das sagt die Tonspur. Hier, etwas außerhalb Münchens, wurde Jörg Fauser am 17. Juli 1987, in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag, von einem Lastwagen erfasst. Betrunken hatte er sich aus der „Schumann’s“ Bar verabschiedet. Wie er dann nach München-Riem kam und warum er auf der Standspur spazieren ging, ist bis heute ungeklärt. Er habe gerne Spießervorgärten fotografiert – und Autobahnen, sagt seine Frau Gabriele Fauser. Rekonstruieren lässt es sich nicht mehr.

Wenn sich der Tod schon nicht klären lässt, dann vielleicht das Leben. In seinem Filmporträt schickt Regisseur Christoph Rüter den Autoren Franz Dobler auf Spurensuche in die Vergangenheit des Dichters: Dobler nimmt bei der Mutter Fausers dessen Zimmer in Augenschein und inspiziert die berüchtigten Frankfurter Trinkhallen, den Geschichtenumschlagplatz des wahren Underground: „dir und mir und Binding Bier“. Der Film führt den Zuschauer außerdem bis in die versifften Ecken Istanbuls, wo Fauser zwei Jahre als Heroin-Junkie verbrachte, und in Berlins Potsdamer Straße – fürs Repräsentable war der Schriftsteller nicht zu haben.

Jörg Fauser ist ein Schriftsteller, „dem wenig Zeit blieb“, sagt Dobler einmal. Tatsächlich hat Fauser zwischen 1972 und 1987 nicht nur etliche Romane geschrieben – darunter den mit Marius Müller-Westernhagen verfilmten Krimi „Der Schneemann“; er war auch Songtextschreiber für Achim Reichel, Redakteur bei „Tip“ und „Transatlantik“ und vor allem ein viel beschäftigter Kolumnenschreiber. Die alte Bundesrepublik finde man in den Büchern Fausers, bekundet Wiglaf Droste. Fauser selbst hätte sich nicht als Gesellschaftsanalytiker betrachtet, bei ihm klang die Beschreibung des Berufsbilds nüchtern: Er sei Geschäftsmann, der mit Texten handelt, hört man ihn fast trotzig in einem Fernsehinterview mit Hellmuth Karasek sagen. Das Künstlergenie gehörte einer anderen Epoche an; Fausers Literatur hingegen, stark beeinflusst von amerikanischen Beat-Autoren, sollte nah an der Realität gebaut sein, von der Straße kommen, vom wirklich Erlebten. Das Projekt, das er zusammen mit dem Übersetzer Carl Weissner in diversen Underground-Zeitschriften verfolgte, hatte die Losung: „Lass es uns diesen Karteileichen der deutschen Prosa zeigen.“

Fauser ging es um die Überwindung eines alten Literaturbegriffs. Auch das Klischee, der Abfall, die Gosse durften in Texten vorkommen – sie waren der „Rohstoff“ des Schreibens. Zu glauben, er habe die Wirklichkeit ohne Kunstwillen abgeschrieben, wäre allerdings ein großer Irrtum – das macht der Film sehr deutlich. Die anrührendste Stelle findet sich am Ende. Da liest Fausers Mutter einen Text ihres Sohnes: Amerikanische Wissenschaftler hätten herausgefunden, heißt es darin, dass der Mensch beim Sterben 21 Gramm verliere – das Gewicht der Seele: „Freudlos sitze ich diese Nacht über den Tasten und verstehe doch nichts anderes, als mich an die 21 Gramm zu klammern, die meine Finger schreiben machen und meine Träume vorbereiten auf den Tod.“

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