Medien : Leben vor dem Tod

Vom Suchen und vom Finden der Liebe in Deutschland: Die ARD und ihre Filmreihe „Debüt im Ersten“

Thilo Wydra

Meistens geht es irgendwie um Liebe. Oder um das Suchen und Finden und das Drumherum. Dem deutschen Filmnachwuchs, dem die ARD die sechste Staffel des „Debüts im Ersten“ mit neun Spielfilmen widmet, geht es um die emotionale und soziale Bestimmung im Deutschland von heute. Neun Spielfilme, nicht selten krude, hart, nüchtern, fünf von Frauen inszeniert und vier von Männern. Das bedeutet nicht gleich einen Paradigmenwechsel im Regiefach, doch ist es eine Entwicklung hin zu mehr Ausgewogenheit. Und besagte emotionale und soziale Selbstbestimmung ist eben vor allem ein Anliegen der Regisseurinnen.

Nehmen wir den Auftaktfilm „Nachbarinnen“ der 1973 in Leipzig geborenen Regisseurin Franziska Meletzky. Es geht um eine im Leipziger Plattenbau allein lebende Paketzustellerin. Eine geheimnisvolle Fremde, die plötzlich vor der Tür steht, einen Mord gesteht. Und plötzlich ist da Zuneigung. Vielleicht gar mehr. „Wer liebt, riskiert zu leiden – wer nicht liebt, leidet schon“, zitiert die Polin Jola (Grazyna Szapolowska) das Sprichwort der Deutschen Dora (Dagmar Manzel). Ein Satz, ein Lebensmotto beinahe, das man auf viele der Personenkonstellationen der neuen Gegenwartsfilme aus der ARD-Reihe anwenden könnte. Und immer diese Angst, die dabei mitschwingt, verletzt, enttäuscht zu werden. Ungeliebt zu bleiben. Viele dieser Menschen haben einen Hunger nach Liebe und Halt, nach einem greifbaren Ziel auch.

„Kroko“ etwa, die eigentlich Julia (Franziska Jünger) heißt, und im Berliner Wedding eine Mädchengang anführt. Gewalt, verbal und körperlich, ist an der Tagesordnung. Bis sie zum Sozialdienst verdonnert wird, hat sie mit einem gestohlenen Auto einen Unfall fabriziert. Den Dienst muss Kroko bei Behinderten absolvieren, denen sie voller Vorurteile begegnet. Nur, dass sie damit nichts bewegt, sich nur isoliert, während die Behinderten ihr offen begegnen. Kroko begreift, dass das, was sie bisher gelebt hat, nicht unbedingt das Leben sein muss.

Für das hart-herbe Selbstfindungsdrama „Kroko“ (am 6. Juli im Ersten) wurde die 1965 in Brandenburg geborene Regisseurin Sylke Enders, die auch das Drehbuch verfasste, mit dem Deutschen Filmpreis in Silber ausgezeichnet.

Oder am 20. Juli der Film „Liebes Spiel“ der Münchnerin Britta Sauer, ebenfalls Jahrgang 1965. Die Regisseurin geht mit ihrer Drehbuchautorin Maggie Peren, die zugleich auch die weibliche Hauptrolle der Theresa spielt, einfühlsam einer jungen Spielsüchtigen nach, die sich in den Videothekar Morten (Florian Stetter) verliebt. Zwei junge Menschen, die umeinander kreisen, sich näher kommen, sich entfernen. Nicht miteinander, nicht ohneeinander können. Dazwischen steht die Sucht nach dem Automatenspiel. Es ist ein doppeltes Liebes-Spiel. Mit der Aussicht auf keine Aussicht?!

„Debüt im Ersten: Nachbarinnen“, ARD, 22 Uhr 45; die weiteren Filme immer donnerstags um 22 Uhr 45

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