Medien : Lebensunwert?Das Leben von Paul Brune

Hendrik Feindt

„Lebensunwert. Der Weg des Paul Brune“ ist der Titel eines ARD-Films von Monika Nolte und Robert Krieg, der über einen berichtet, den die Ausgrenzung als Irrer über Staats- und Rechtssysteme hinweg verfolgt. Die früheste Diagnose, lautend auf Anstaltspflegebedürftigkeit, wurde 1942 erstellt. Die vorletzte, lautend auf das „klassische Schulbeispiel für Asozialität per Erbanlage“, datiert von 1977; mit ihr wurde zuletzt ein Antrag auf Sozialhilfe quittiert.

Begonnen hatte Brunes Hospitalisationsschädigung mit der Trennung von seiner Mutter, die sich und ihre drei Kinder, unter ihnen den einjährigen Paul, 1936 zu ertränken versuchte, nachdem sie einer außerehelichen Beziehung wegen von ihrem Mann misshandelt worden war. Weitreichende Folge ist die Zwangsunterbringung in einem Waisenhaus in Soest, 1944 die Verlegung in eine Anstalt im sauerländischen Maasberg. Brune fühlt sich in doppelter Weise gebrandmarkt: in katholischen Augen als „vom Teufel besessen“ wegen seiner angeblich außerehelichen Abkunft; und in medizinischen Augen als „lebensunwert“ aufgrund eines Gutachtens, das sich ohne Untersuchung des Achtjährigen auf die Diagnose von Epilepsie bei der Mutter beruft. Vermutlich dem nahen Ende des Krieges ist zu verdanken, dass er die Euthanasiepolitik überlebt.

Nicht minder erschreckend sind die Lebensbedingungen nach der Befreiung, denen der Filmbericht die zweite Hälfte widmet. Einer der neuen Anstaltsverantwortlichen missbraucht Brune. Und selbst der dokumentierte Versuch des Onkels von Paul Brune, 1953 die Vormundschaft zu übernehmen, wird mit einer Diagnose des zuständigen Provinzialobermedizinalrates beschieden, der „asoziale Psychopathie plus Debilität“ konstatiert.

Bei dieser Faktenlage ist es unnötig, die begutachtenden Ärzte noch als für ihre Kurzdiagnosen „berüchtigt“, in einem Fall auch als für Alkoholismus „bekannt“ darzustellen; ebenso, wie es die Filmautoren unternehmen, einen schwerstbehinderten gewaltbereiten Hilfspfleger mit einer rücksichtslosen Fotografie bloßzustellen. Über Stigmatisierung zu berichten, verleitet offenbar zur Stigmatisierung der Täter, bei aller berechtigten Solidarität mit dem Opfer.

„Lebensunwert“, 23 Uhr 30, ARD

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