''Legenden'' : Doppelte Sucht

Geliebt werden wollte er, um jeden Preis: Mit dem Ausnahmetalent Harald Juhnke setzt das Erste die ARD- Reihe "Legenden“ fort.

Thilo Wydra
Juhnke
Harald Juhnke auf einer Fotografie von 1958 -Foto: ARD

Sie sind Ikonen, Idole, Helden. „Legenden“ eben, wie die inzwischen 46 dokumentarische Portraits umfassende ARD-Reihe betitelt ist. Der erfolgreichste Beitrag seit Bestehen der „Legenden“-Reihe überhaupt ist übrigens weiterhin jener über Romy Schneider, gesendet im September 1998, posthum zu ihrem 60. Geburtstag. Das ist inzwischen zehn Jahre her, so lange werden die beliebten „Legenden“ im Ersten bereits produziert. Nun geht die ARD mit der neunten Staffel und vier neuen Dokus auf Sendung. Der 50. Jubiläumsfilm behandelt den Frankfurter Tierforscher Bernhard Grzimek (14. Juli), zuvor werden US-Schauspielerin und Fitness-Amazone Jane Fonda (7. Juli) sowie Schlager-König und Frauenliebling Udo Jürgens (30. Juni) portraitiert. Den Auftakt zur neuen Staffel aber macht Harald Juhnke, der Schauspieler und Showmaster und Allround-Entertainer aus Berlin.

Harald Juhnke, genauer Harry Heinz Herbert Juhnke, wurde am 10. Juni 1929 geboren. Autor Lothar Schröder zeichnet die wichtigsten Stationen in Juhnkes Leben nach, lässt Kollegen wie Wolfgang Spier oder Grit Boettcher zu Wort kommen, auch Sohn Peer, und den Portraitierten selbst, in älteren und jüngeren Aufnahmen. Wobei es gerade die dokumentarischen Aufnahmen Juhnkes selbst sind, die hier den Spannungsbogen ausmachen. Juhnke, die Berliner Schnauze, langjähriger Sketchpartner etwa von Grit Boettcher in „Ein verrücktes Paar“ oder auch von Eddi Arent in „Harald und Eddi“. Schauspieler seit ehedem schon, seit Carl Froelichs „Drei Mädchen spinnen“ aus dem Jahre 1950. Schon in jungen Jahren, in denen er kein Filmangebot auslässt, Hauptsache, die Kamera läuft und Anerkennung und Bestätigung kommen. „Du brennst ja richtig“ wird ihm gesagt. Geliebt werden wollte er, um jeden Preis. Der Preis seines rast- und ruhelosen Gebens war die Einsamkeit, das waren die wiederholten Abstürze in völliger Trunkenheit. Er, der Alkohol schlecht vertrug, er erliegt dieser anderen Sucht immer wieder.

Nach den großen Shows Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre, in der Nachfolge von Peter Frankenfeld mit „Musik ist Trumpf“, greift er allein in Hotels oder in Bars zur Flasche, lässt die doppelten Whiskys und doppelten Wodkas reihenweise kommen. Seine Popularität ist groß wie nie. Doch da ist einer, der hat keinen Halt. Einer, der alles will, der auch alles gibt für sein Publikum. Und der doch einsam und leer und niedergeschlagen ist, nicht weiß, wohin mit sich. Er trinkt weiter, die Abstürze mehren sich, und die Warnungen der Ärzte vor einer Demenz. Auch die so ambivalente Rolle für den Fernsehfilm „Der Trinker“ (1995) von Tom Toelle, die will er spielen. Eine Paraderolle, eine fatale freilich. Doch dann: Er vergisst seinen Text. Für ihn eine Katastrophe. Für seinen Manager Peter Wolf schließlich trauriger Anlass, am 11. Dezember 2001 auf einer Pressekonferenz das Ende der Karriere Juhnkes zu verkünden: „Heute endet also die wohl schillerndste Nachkriegs-Karriere eines deutschen Schauspielers und Entertainers. Harald Juhnke wird nie wieder auf einer Bühne stehen.“ Und zu seiner Langzeit-Kollegin Barbara Schöne sagt Juhnke, als er noch erkennend bei sich ist: „Barbara, weißt du was, dein Harald ist verrückt.“ Sein Ende, es ist so tragisch, wie es nur irgend denkbar ist. In einem Pflegeheim für Demenzkranke lebt der einst so populäre Showmann Juhnke, lebt dort in einer fernen autistischen Welt, erkennt die Familie nicht mehr, seine Frau Susanne, seine Söhne Peer und Oliver, seine Freunde. Harald Juhnke, er ist nicht mehr von dieser Welt. Er stirbt, im Alter von 75 Jahren, am 1. April 2005. Thilo Wydra

„Legenden“: ARD, Montags, 21 Uhr

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