Legenden : Lachen als Schutzschild

Was macht eigentlich Liselotte Pulver? Ein ARD-Team besuchte die Schauspielerin im Heim.

Markus Ehrenberg

Vielleicht ist Liselotte Pulver in der neuen Ausgabe der ARD-Reihe „Legenden“ an der Stelle am meisten beredt, wo sie nichts sagt. Man hatte in den vergangenen Jahren wenig gehört von der mittlerweile 79-jährigen Schauspielerin. Vielen Fans dürften neben dem lautem Lachen und Bildern aus dem unvergesslichen „Piroschka“-Film vor allem die privaten Schicksalsschläge aus den Jahren 1989 und 1992 in Erinnerung sein, als erst Lilo Pulvers 21-jährige Tochter von der Berner Münsterplattform in die Tiefe stürzt. Drei Jahre später stirbt nach 30 Jahren Ehe ihr Mann, der Schauspieler Helmut Schmidt, die große Liebe ihres Lebens. Gefundene Fressen für Boulevardblätter. Zu all dem sagte Lilo Pulver, die nun am Stadtrand von Bern in einem Haus für betreutes Wohnen wohnt, der Autorin Birgit Kienzle nichts mehr.

Sie wolle ihre Ruhe haben, hieß es für das Team zunächst. Ein Jahr lang hatte man sich um ein Interview bemüht, Blumenstrauß um Blumenstrauß geschickt, um eine der größten deutschsprachigen Komödiantinnen zu treffen. Am Ende hat es geklappt. Es wird eine Reise in die Vergangenheit. Die Doku zeichnet in erster Linie die Karriere einer Schauspielerin nach, die im deutschsprachigen Raum ihresgleichen sucht, nicht nur wegen dieses mitreißenden Lachens. Die große Zeit der Schauspielerin waren die 50er und 60er Jahre – die Zeit des „Deutschen Nachkriegsfilms“, als das Kino mehr als Unterhaltung war: ein Fluchtort, um die Zerstörung, die die Nazizeit hinterlassen hatte, zu vergessen.

Lilo-Fans wie Hellmuth Karasek oder Kabarettistin Maren Kroyman erinnern daran: Fast wäre die Pulver ja ein Weltstar geworden. International bekannt wurde sie 1961 in Billy Wilders Komödie „Eins, zwei, drei“, in der sie das kaugummikauende, blonde deutsche Fräuleinwunder spielte und in einem gepunkteten Kleid auf dem Tisch tanzt. Schon Ende der 50er Jahre wird ihr eine Rolle in „Ben Hur“ und eine Hauptrolle an der Seite von Charlton Heston in „El Cid“ angeboten. Weil Lilo Pulver vertraglich gebunden ist und „Gustav Adolfs Pagen“ spielen muss, bekommt Sophia Loren diese Rolle. Aus der Hollywood-Karriere wird nichts. Noch heute könne sie sich „in den Hintern beißen“, sagt sie in ihrem Zimmer im Berner Altersheim.

Nicht vielen lebenden Künstlern wird die Ehre zuteil, in „Legenden“ gezeigt zu werden. Zwischen Peter Frankenfeld vergangene Woche und Peter Ustinov am kommenden Montag nimmt sich Lilo Pulver nicht nur wegen der offenherzigen Momente und Karrierebrüche erstaunlich aus. Anfang der 60er Jahre wird „Opas Kino“ für tot erklärt. Lilo Pulvers große Zeit ist nach diversen koboldhaften Hosenrollen wie in der Spessart-Trilogie plötzlich vorbei. Mit dem Ehemann geht sie auf Theater-Tournee, tingelt in TV-Shows oder gibt die „Lilo“ in der „Sesamstraße“. Das hatte sich die 1929 in einer alteingesessenen Berner Familie Geborene, die sich am Konservatorium zur Schauspielerin ausbilden ließ und am Schauspielhaus Zürich Klassiker rauf und runter spielt, anders vorgestellt, trotz Goldener Kamera und Bambi. Dazu stets dieses Lachen – wohl auch als Schutzschild gegen ständige Liebesnöte.

Von Bitterkeit bei der Nahaufnahme aber kaum eine Spur. Nur die Sätze: „Man müsste das gleiche Leben noch mal leben können. Man wüsste genau, wie man’s machen müsste.“M. Ehrenberg

„Legenden: Liselotte Pulver“,

ARD, 21 Uhr

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