Legenden : Raub oder Rache?

Ein Dokudrama zum historischen Kriminalfall „Tannöd“

Hendrik Feindt
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Nachgespielt: Die Obduktion der Leichen fand auf dem Hof statt. Foto: ZDFZDF

Der Täter, heißt es in einem Lehrsatz der Kriminalgeschichte, kehre immer zum Tatort zurück. So auch der Filmregisseur Kurt K. Hieber. Vor bald zwanzig Jahren drehte er, nach sorgfältigen Recherchen, für „Das Kleine Fernsehspiel“ eine Dokumentation über Hinterkaifeck, jenen Einödhof unweit von Ingolstadt, der 1922 in einer kalten Frühlingsnacht zum Tatort eines grausamen und bis heute ungeklärten sechsfachen Mordes geworden war. In jüngster Zeit hat der Fall durch den erfolgreichen Kriminalroman „Tannöd“ von Andrea Maria Schenkel erneut ein Interesse entfacht, das weit über Oberbayern hinausgeht. Am Donnerstag kommt eine prominent besetzte Verfilmung des Romans bundesweit in die Kinos. Hieber seinerseits war veranlasst, den Fall in dem ihm vertrauten Medium aufzurollen. Nach Vorpremieren in den örtlichen Lichtspielhäusern von Aichach und Pfaffenhofen wird „Der Fall: Hinterkaifeck – Die wahre Geschichte hinter Tannöd“ heute Abend im ZDF zur Ausstrahlung kommen.

Mithilfe von Laiendarstellern aus dem Schrobenhausener Land setzt Hieber, wie er kürzlich in einem Interview sagte, ein Dokudrama in Szene: „Das musste man einfach in spannende Bilder packen.“ Denn anders als durch Inszenierung sei „diese Dichte“ nicht zu erreichen gewesen. Er beruft sich dabei auf neue Ermittlungsergebnisse, die aus zwei vorderhand verschiedenen Quellen gespeist sind. Einerseits hatte sich die Abschlussklasse einer bayerischen Kriminalpolizeischule noch einmal an die historischen Akten gemacht. Sie bestehen aus gerade einmal fünf Tatortfotos und einem überaus spärlichen Vernehmungsprotokoll. Andererseits gibt es eine selbst ernannte „Internet-Soko“, die freimütige Recherchen und Rekonstruktionen unternimmt. Hieber schwärmt von den fantastischen Möglichkeiten, die das Internet für ungelöste Fälle bereithält.

Es gibt viele Widersprüche, Ungereimtheiten und Legendenbildungen in dem Fall Hinterkaifeck. Das macht ihn für die Literatur und die Bildmedien so ergiebig – weil allseits und immer noch nach einer „Lösung des Falls“ gesucht werden kann. War es Raubmord (die Hoffamilie war wohlhabend), oder war es Rachemord (begangen von einem nur vermeintlich verstorbenen Ehemann)? Oder war es die Tat eines unehelichen, womöglich der Zahlung von Alimenten gewärtigen Vaters? Hiebers Dramatisierung drängt auf eine Identifizierung. Auch sind die Polizeischulrecherchen zu einem Ergebnis gekommen. Doch dieses bleibt, glücklicherweise, unter Verschluss, „aus datenschutzrechtlichen Gründen“, wie es heißt. Und weil kein letztgültiger Beweis erbracht ist. Hendrik Feindt

„Der Fall: Hinterkaifeck. Die wahre Geschichte hinter Tannöd“, ZDF, 23 Uhr 30

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