Medien : Lehre und Leere

„Goodbye DDR“ zeigt Geschichte – und enttäuscht

Thomas Gehringer

In Deutschland wächst die erste Generation heran, die keine eigene Erinnerung mehr an die vor 15 Jahren ins Reich der Geschichtsbücher eingegangene DDR hat. „Goodbye DDR“, der Titel des neuen ZDF-Vierteilers unter der Oberaufsicht von Guido Knopp, hat also durchaus seine Berechtigung. Die heutige Schülergeneration, klagt der Mainzer Fernseh-Historiker, wisse nur noch wenig über den deutschen Teilstaat. Nur eine Minderheit von Gymnasiasten in Magdeburg hätten bei einer Befragung den Zeitpunkt des Mauerbaus nennen können. Und die meisten hätten Schwerin für eine Stadt im Westen gehalten. Man könnte dies boshafter Weise als Zeichen des Zusammenwachsens deuten – auf niedrigem Niveau. Jedenfalls fühlt sich auch das Fernsehen dazu berufen, seinen Teil zur Aufklärung beizutragen. Und so viel ist klar: Dass die Mauer 1961 errichtet wurde, kann man bei Guido Knopp wirklich lernen.

Und sonst? Im heutigen ersten Teil „Ulbricht und der Anfang“ flattern lustig die Fahnen, wird fröhlich aufmarschiert und mit Inbrunst die Lieder des neuen Deutschlands geschmettert. Die Autoren Peter Hartl und Henry Köhler schwelgen in den frühen Propagandafilmen der jungen DDR. Es sind ausdrucksstarke Bilder, doch die Aussagekraft ist begrenzt. Die Aufbruchstimmung nach dem Ende von Krieg und Faschismus, so scheint es, war nur eine gute Inszenierung der Partei. Immerhin erzählt Ralph Giordano, damals in Hamburg lebender Jungkommunist, wie er mit seinen Genossen in den Osten ging, um sich mit der Jugend der Welt zu treffen. Walter Ulbricht, mächtigster Mann des jungen Staates, und seine aus dem Moskauer Exil zurückgekehrten Politkader wussten diese Begeisterung zu nutzen – auch mit Aufmärschen und Massenfeiern, also mit Mitteln, die denen der Nationalsozialisten verteufelt ähnelten. Giordano fragt sich heute, „wieso ich damals diese äußere Nähe nicht gespürt habe“.

Leider wird nicht viel gefragt in diesem Film, stattdessen wird das Publikum in den Kommentartexten mit Fakten und Thesen versorgt, die irgendwie nicht zu den Propagandabildern passen wollen. Natürlich sehen wir wieder den „Vorturner“ Walter Ulbricht, ausgiebig auch den entspannten Ehemann, der mit seiner Gattin im Garten Tischtennis spielt. Zugleich ist Ulbricht laut Kommentar ein „Prototyp des Apparatschiks“ und „arbeitswütiger Pedant“ (dazu sieht man ihn am Schreibtisch). Zeitgenossen wie Wolfgang Leonhard, damals Mitglied der von Stalin ausgesandten „Gruppe Ulbricht“, bezeugen dies. Doch wo es mal wirklich interessant wird, bleibt der Film einsilbig. Eigenhändig habe Ulbricht lebenslange Haftstrafen in Todesurteile umgewandelt. Ein Dokument wird kurz eingeblendet, doch aufgegriffen wird dieser Fall nicht. Bemerkenswert ist noch der Ausschnitt eines Interviews, in dem ein amerikanischer Reporter Ulbricht zum Schwitzen bringt. Auch hier vermisst man Informationen: Welcher Reporter war es? Wann wurde es geführt? Warum hat sich Ulbricht überhaupt dazu entschlossen?

In den folgenden drei Teilen dieses historischen Filmpanoramas wird die Geschichte der DDR anhand der Biografien von Stasi-Chef Erich Mielke, Eislaufprinzessin Katarina Witt und Ulbricht-Nachfolger Erich Honecker weitererzählt. Es bleibt also bei der Perspektive von oben und bleibt wohl auch bei der Knopp-typischen Schnipseljagd.

Diesmal war die ARD gründlicher – und schneller. Der mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Vierteiler „Damals in der DDR“ verknüpfte im vergangenen Jahr gekonnt die Alltagserfahrungen der Bürger mit dem Lauf der großen Politik. Der vorerst letzte Teil, „Partei ohne Volk“, ist heute im MDR noch einmal zu sehen. Fortsetzung folgt, in der ARD ab 19. September.

„Goodbye DDR“, ZDF, 20 Uhr 15

„Damals in der DDR“, MDR,

22 Uhr 05

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