Medien : „Lehrer sind die Helden des Alltags“

Regisseur Niki Stein über allein gelassene Pädagogen und seinen ARD-Fernsehfilm „Die Konferenz“

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Herr Stein, jeder war mal auf der Schule. Welche persönlichen Erfahrungen sind bei dem Film mit eingeflossen?

Ich habe eine sehr gute Erinnerung an die Schule. Ich war in diesen hochpolitischen, wunderbaren späten Siebzigern auf einer liberalen Schule mit einem liberalen Direktor. Der Autor des Films „Die Konferenz“, Bodo Kirchhoff, der etwas älter ist, hat da sicher noch einen etwas anderen Blick. Im Grunde sind die Lehrer in dem Film die Referendare meiner Schulzeit. Ihre 68er-Prägung ist stark spürbar: diese etwas verstellte Weltsicht, das Absolute des eigenen Standpunkts. Mir geht es aber nicht darum, die Lehrer zu demagogisieren oder in eine Ecke zu stellen. Mir geht es um die Abwälzung von Verantwortlichkeit. Wir erwarten, dass andere für uns die Probleme lösen. In dem Fall sollen das die Lehrer für die Eltern tun.

Ist die Ausgangssituation nicht unmöglich: Die Klärung einer strafrechtlich relevanten Frage, ob ein Schüler eine Mitschülerin vergewaltigt hat, wird einer Hand voll Lehrerinnen und Lehrern überlassen?

Mir wurde bei der Recherche von vielen Seiten gesagt: Es gibt diese Grenzfälle. Man findet zum Beispiel eine Schusswaffe bei einem Schüler, aber es wird nicht angezeigt, weil die Lehrer dem Jungen nicht die Zukunft verbauen wollen. Bodo Kirchhoff hat das sehr geschickt konstruiert. Da gibt es die Mutter der möglicherweise vergewaltigten Schülerin, eine sehr engagierte Elternvertreterin, die über gute Kontakte zu den Medien verfügt, und es gibt den Jungen aus reichem Elternhaus, ebenfalls mit der nötigen Hausmacht im Rücken. Diese Oberschicht-Eltern sagen nun: Ihr Lehrer, ihr Büttel, ihr Leistungsempfänger, nun macht mal.

Also ist es ein Film, der den Anspruch hat, die Wirklichkeit widerzuspiegeln?

Ja, als Extrakt und dramatische Zuspitzung. Natürlich muss man sich bei einigen Dialogen fragen: Spricht man so? Aber diese Selbstgefälligkeit im mündlichen Ausdruck gibt es durchaus. Dieses Einzelkämpfertum, dem Lehrer ausgeliefert sind, scheint ein gewisses Mobbing-Potenzial zu haben.

Der Amoklauf von Robert Steinhäuser in Erfurt wird in einer Szene aufgegriffen.

Man kommt nicht daran vorbei. Dass Lehrer seit diesem Ereignis unter einem anderen Druck stehen, ist ganz klar. Ich habe zum Beispiel eine Bekannte, die ihren Beruf als Hauptschullehrerin wegen einer psychischen Schädigung aufgegeben hat, weil ihr ein Schüler ein Messer an den Hals gesetzt hat.

Irgendwann sagt die von Senta Berger gespielte Schulleiterin: „Wir müssen durchkommen, irgendwie.“ Ist das ein Schlüsselsatz des Films?

Schlüsselsatz würde ich nicht sagen, aber darin drückt sich die Unfähigkeit aus, die Konflikte der Gesellschaft zu lösen. Diese No-win-Situation, in der die Lehrer stecken. Der Ansatz von Kirchhoff hat sich als sehr geschickt herausgestellt, weil das Reden über Sexualität und Liebe uns allen unglaublich schwer fällt und den Lehrern in der konkreten Situation erst recht.

Es gibt wenig Action, die Geschichte lebt von Dialogen und Gesichtern. Was sind die besonderen Schwierigkeiten eines solchen Projekts?

Es ist die Verbindung zwischen Theater und Film. Beim Film dauert ein Handlungsbogen drei, aber hier teilweise über 20 Minuten. Mir war es wichtig, dass wir an einem Originalschauplatz, in einem Frankfurter Gymnasium, gedreht haben. Auch die Tageszeit stimmt. Diesen Realismus, der sich auf die Schauspieler überträgt, sieht man im Bild. Das kann man nicht im Studio herstellen.

Doch Schule wird hier weitgehend reduziert auf die Lehrer. Und die sind überfordert und kaum in der Lage, miteinander sachlich und kollegial umzugehen. Ist diese Verkürzung nicht eine Gefahr?

Nein, das ist eben der Fokus, den der Film nimmt. Ich meine wirklich: Lehrer sind die Helden des Alltags. Deutschland hat keinen anderen Rohstoff als Kinder und Bildung, doch die Lehrer werden extrem allein gelassen. Ihre soziale Anerkennung zum Beispiel in Finnland ist viel größer, und ich glaube, dass dieses Land nicht umsonst im Pisa-Test ganz oben steht. Ich hoffe nicht, dass sich der Zuschauer sofort auf diese Position stellt: Da werden die Lehrer vorgeführt.

Das kann leicht geschehen, weil wohl jeder einen Typen Lehrer wiedererkennt, den er immer schon gehasst hat.

Das ist vielleicht die Gefahr des Films: dass man allzu gerne aufspringt auf die festgefügten Klischees. Ich kann nur sagen, ich habe jede Figur geliebt und möchte sie nicht vorführen. Pirsich, der Protokollführer, war für mich derjenige, der am ehesten das Lehrer-Ethos hochhält. Das ist der Lehrer, der das kleinste Identitätsproblem hat und deshalb auch einen Lehrer-Roman schreibt. Der hat im Grunde den größten Absturz, weil er sich am Ende für seinen Beruf schämt.

Das Gespräch führte Thomas Gehringer.

„Die Konferenz“: ARD, 20 Uhr 15

Niki Stein , 44, Erfinder der „Tatort“- Teams aus Köln und Frankfurt und Vater einer schulpflichtigen Tochter führte Regie beim TV-Kammerspiel „Die Konferenz“.

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