Medien : Leih mir deine Ohren

Klassik im Fernsehen? Schwere Sache. Aber es geht, findet Senta Berger

Frederik Hanssen

Martin Schneider besitzt eine wunderbare Gabe: Er kann alles, auch unangenehme Wahrheiten, leicht und heiter klingen zu lassen. Als TV-Regisseur kommt ihm das vor allem bei Aufzeichnungen mit Publikum zugute. „Sorry, das müssen wir leider wiederholen“, flötet er ins Mikrofon, „darf ich noch einmal um einen recht herzlichen Applaus bitten?“ Und tatsächlich brechen die Leute, die seit zwei Stunden bei brütender Scheinwerferhitze in den schmalen Sitzreihen eingezwängt sind, in begeisterten Jubel aus.

Der Mann ist eben ein Vollprofi. Und ein charmanter Zyniker. Den Journalisten, der zur Aufzeichnung der Sendung „Klassisch!“ mit Senta Berger in die Berliner Union-Film-Studios am Flughafen Tempelhof gekommen ist, begrüßt er mit den Worten: „Willkommen in unserer kleinen Widerstandstruppe!“ Mit am Tisch sitzen der Produzent Felix Schmidt von „Spektrum-TV“ und ein Redakteur des ZDF. Im Zweiten Deutschen Fernsehen wird ihre Sendung in der Tat nicht von allen gern gesehen: „Sunday Night Classics“, das Konkurrenzprodukt im eigenen Hause, halten einige in den höheren Etagen für progressiver, hipper. „Sunday Night Classic“ wird von jungen Menschen moderiert, die keinen Schimmer von Klassik haben und darum ohne zu zögern Vanessa Mae mit ihrer elektrischen Plastikgeige, den chinesischen Pianisten Lang Lang und die Pop-Band „Söhne Mannheims“ ansagen.

Die Macher von „Klassisch!“ dagegen beharren darauf, nur „echte“ E-Musik-Interpreten zu präsentieren. Und zwar auf eine Weise, die der Ernsthaftigkeit entspricht, mit der die Künstler selber bei der Sache sind. Auf die Idee, Lang Lang samt Flügel auf eine Rampe zu schieben, die weit in den Saal hineinragt, ausstaffiert wie ein Pop-Star, der sich gleich in die Menge werfen wird, würde hier keiner kommen. Bei „Klassisch!“ wird die traditionelle Konzertsituation respektiert.

Natürlich weiß Regisseur Martin Schneider, dass sich die Erlebnisse einer Live-Aufführung nicht eins zu eins ins Fernsehen übertragen lassen. „Wenn Sie im Konzertsaal sitzen, konzentriert sich Ihre Aufmerksamkeit mal auf diesen, mal auf jenen Musiker, filtert Ihr Ohr dieses oder jenes Detail heraus“, erklärt er. „Im Fernsehen wird Ihnen diese akustische Fokussierung durch den Regisseur abgenommen.“ Je nachdem, wie er die Bilder der Kameras zusammenschneidet, die bei der Aufzeichnung ständig im Einsatz waren, lenkt Schneider die Wahrnehmung der Zuschauer nach seinem Geschmack. Für Menschen, die zwar an Klassik interessiert sind, sich aber noch nicht so gut auskennen, durchaus ein hilfreiches Angebot.

Mit einem Publikum von fast einer Million ist „Klassisch!“ für Fernsehverhältnisse ein Minderheitenprogramm. Aber die Macher kämpfen um jeden neuen Zuschauer. Nur eben nicht, indem sie Beethoven eine Videoclip-Ästhetik überstülpen. Sondern, indem sie eine Moderatorin wie Senta Berger beschäftigen. Eine Frau, die sich wirklich in dem Genre auskennt, für die Musik brennt. Alle Künstler, die in ihrer Sendung auftreten, versucht die Schauspielerin im Vorfeld kennen zu lernen. Die Moderationen schreibt sie immer selber – manchmal passiert es allerdings auch, dass sie den vorbereiteten Text verwirft: Nachdem sie beispielsweise die blutjunge Cellistin Han-Na Chang gehört hatte, kamen ihr die vorgeschrieben Worte über das Wunderkind plötzlich ganz unpassend vor: „Was sie da gezeigt hatte, war so reif, so vollendet, dass ich kurzerhand etwas improvisiert habe.“ Den berüchtigten Teleprompter benutzt Senta Berger sowie nie: „Dafür bin ich viel zu kurzsichtig.“

Mindestens ein halbes Jahr vor der TV-Aufzeichnung beginnen die Debatten darüber, wen man einladen soll. Ein Tenor muss auf jeden Fall dabei sein, daneben will Schmidt aber unbedingt auch Künstler vorstellen, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Dieses hochnoble Anliegen ist allerdings auch die Achillesferse der Sendung. Wenn es heißt: Warum holen wir nicht mal diesen oder jenen Star, von dem derzeit alle reden, muss er meistens antworten: Weil der schon bei uns war. Fast ein Jahr bevor die Sopranistin Anna Netrebko mit gigantischem Werbeaufwand in alle Medien gepresst wurde, stand sie bei „Klassisch!“ vor der Kamera. Magdalena Kozena, mittlerweile auf allen Bühnen der Welt gefragt, sogar schon vor zwei Jahren.

Die Aufzeichnung der einstündigen Sendung ist dann viel aufwändiger, als es sich der Laie vorstellt. Obwohl in zweitägigen Proben alles detailliert durchgeplant, alle Lichtstimmungen im Computer einprogrammiert worden sind, wird nach jeder Musiknummer unterbrochen. Die Kameras werden an neue Positionen gerollt, der Flügel die Bühne rauf und runter geschleppt, der Dirigent noch schnell von der Maskenbild-Assistentin abgetupft. Dann schallt wieder Martin Schneiders Stimme aus den Lautsprechern: „So, wir sind fertig, jetzt den nächsten Interpreten bitte wieder freundlich anklatschen.“ „Kunst ist schön“, hat Karl Valentin mal gesagt, „macht aber viel Arbeit“.

„Klassisch!“: 18 Uhr, ZDF

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