Medien : Leipzig wird erpresst

Der neue Dominik-Graf-Krimi erzählt seine Geschichte zwischen den Zeilen

Barbara Sichtermann

Gleich zu Beginn wird eine harte, kalte Thriller-Atmosphäre erzeugt. Es ist Nacht in Leipzig. Ein Mann klettert den Hochspannungsmast rauf. In der Disko gehen die Lichter aus. Ein ferngesteuertes Spielzeugauto rollt einen Gang entlang. Es transportiert etwas. Eine Bombe? Leipzig liegt jetzt im Dunkeln. Nach und nach treffen die Menschen ein, die auf die in der Luft liegende Drohung reagieren müssen: Kommissar Kalinke (Uwe Kockisch), sein Kollege Ronny (Misel Maticevic) und die Nachwuchskraft Maria Rogalla (Julia Blankenburg). Ronny erhält einen Anruf. Der Erpresser ist dran. Er droht damit, nach dem E-Werk auch das Wasserwerk und den Bahnhof lahmzulegen. Er will ein Vermögen – in Diamanten. Eine Sonderkommission wird gebildet – unter Leitung von Kalinke. Der Oberstaatsanwalt kommt hinzu. Er kann Kalinke nicht leiden. Weil der ein Ossi ist und angeblich auch noch so denkt. Jetzt wandert die Spannung nach innen, ins Polizeirevier. Dort bleibt sie und knistert. Plötzlich ist die Atmosphäre nicht mehr kalt, sondern fast familiär – wenn man einräumt, dass es in den meisten Familien öfter kracht.

Was die beiden Bullen und der Lady-Cop erleben, während sie den Erpressern die geforderten Diamanten übergeben und dabei die Spur des Schatzes nicht zu verlieren trachten, das hat Regisseur Dominik Graf auf die bei ihm zu erwartende unkonventionell-eigenwillige Art inszeniert. Man wird von den Thriller-Elementen ebenso in Atem gehalten wie von den persönlichen Schicksalen der Helden bewegt; die Geschichte bleibt krimispannend bis zur letzten Einstellung, und sie bleibt menschlich berührend darüber hinaus. Es steckt viel drin in diesem Film. Die Spur der Diamanten führt ins Umland von Leipzig, in ein Dorf, das von einer Braunkohlengesellschaft sozusagen aufgelöst wird. Die Gesellschaft kauft Land und Häuser auf und verwandelt den Ort in Halde. Aber es gibt Bewohner, die Widerstand leisten. Die etwas Eigenes aufbauen, ein Werk für alternative Energie. Und die noch weitere Gründe haben, auf Wendegewinnler jeglicher Couleur zornig zu sein.

Das Faszinierende an diesem Film ist, wie stets bei Graf, eine, seine Erzählweise, die das heraushebt, was sonst meist weggelassen wird, die sich an die Details hält und an die Sonderbarkeiten. An die Blicke der Verwunderung, die Momente der Verlegenheit, die kleinen Fehler und Übersprungshandlungen. Graf und sein Coautor Rolf Basedow haben sich auch sonst was einfallen lassen, so einen Hund als Diamantenkurier, der dann aber im Wald seinem Jagdfieber verfällt, was seiner millionenschweren Fracht nicht gut bekommt. Es gibt ja diesen hübschen Spruch: Leben ist, was geschieht, während man ganz etwas anderes plant.

Der konventionelle Krimi hält sich an den Plan, Graf sich an das, was geschieht. Er verfilmt, was zwischen den Zeilen der Narration versteckt ist. Das macht seine Werke zugleich originell und persönlich. Er schafft es dennoch, sich in eine Tradition zu stellen, indem er genretypische Tableaus nicht scheut. So setzt er seine schöne Schurkin auf ein Pferd, als sie enttarnt wird, um ihren Stolz zu betonen und eine kurze Western-Anmutung aufblitzen zu lassen (wo es ja auch um Land geht). Am Schluss hat der Thriller wieder das Kommando über die Bilder – mit seiner kalten Atmosphäre und seiner unverhohlenen Lust an der tödlichen Gewalt.

„Eine Stadt wird erpresst“, 20 Uhr 40, Arte

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