Medien : „Lernen Sie mich neu kennen“

Arabella Kiesbauer will ins seriöse Talkfach wechseln – mit „Arabella Kiesbauer“

Simon Feldmer

Wenn Fernsehmenschen mit bunter Vergangenheit ihre Eignung für anspruchsvollere Formate dokumentieren wollen, dann bringen sie gerne eine der Instanzen des Kulturfernsehens ins Spiel: die Arte-Themenabende. Auch die ehemalige Pro-7-Nachmittags-Talkerin Arabella Kiesbauer erzählt, dass sie gerne Themenabende auf Arte schaut. Überhaupt versucht Arabella Kiesbauer herauszuarbeiten, dass bei ihr in den letzten Jahren „eine persönliche Entwicklung stattgefunden hat“. Das ist eine schöne Umschreibung für den Schritt: weg vom Bügelfernsehen, rein ins seriöse Fach.

In Österreich ist sie längst in der Samstagabendunterhaltung angekommen. Aber: Wer nicht zufälligerweise die Übertragungen der letzten Wiener Opernbälle oder die österreichische Superstar-Variante „Starmania“ gesehen hat, der hat Arabella Kiesbauers Persönlichkeitsentwicklung hierzulande vielleicht verpasst. Und deshalb muss Arabella Kiesbauer jetzt in TV-Spots mit dem Spruch „Lernen Sie mich neu kennen“ für sich werben. Die 36-jährige Moderatorin startet heute im Nachrichtensender N24 einen „Talk ohne Show“. Show war früher auf Pro 7. Heute will die gebürtige Wienerin in einem „ganz unspektakulären Studio mit zwei Stühlen und einem Tisch“ einfach reden, ohne Publikum, dreißig Minuten mit einem, maximal mit zwei Gästen. Letztere sollen möglichst nicht aus der Reihe der typischen deutschen Talkshow-Garde rekrutiert werden. Gesprochen wird über das Top-Thema der Woche, also übers Gesellschaftspolitische. Die Gastgeberin will sich in „Arabella Kiesbauer „vor allem für das Thema und nicht für die Eitelkeiten der Gäste interessieren. Das könnte bei der Premiere auch gelingen: Über das Thema „Ausnahmezustand Fußballweltmeisterschaft – Macht die WM so noch Spaß?“ diskutiert sie mit Oberstaatsanwalt Klaus Bronny, Chefkoordinator der deutschen Justiz für die Fußball-WM, und mit Holger Brackemann von der Stiftung Warentest. Brackemann ist verantwortlich für die Untersuchung der Sicherheit der deutschen Fußballstadien.

Klar ist: Arabella Kiesbauer möchte endlich auch in Deutschland nicht mehr sein, was sie einst im Alter von 24 berühmt machte. Zehn Jahre hat sie auf Pro 7 ihren Nachmittags-Talk „Arabella“ durchgezogen. Das Ende vor knapp zwei Jahren geriet etwas aus dem Ruder. Bis heute sind sich Sender und Moderatorin nicht darüber einig geworden, wer damals eigentlich die Reißleine gezogen hat. Jedenfalls hat sich die Wegbereiterin des nachmittäglichen Trash-Talks, die lange Zeit Themen wie „Körperhaare – schön oder hässlich“ oder „Brustvergrößerung – Männer bewundern meine Figur“ betratschen konnte, zum Ausstand über das deutsche Fernsehen aufgeregt, das nur noch „Quoten bringende Scheiße“ produziere. Das habe sich auf einzelne Formate bezogen, sagt Kiesbauer heute: auf Reality-TV und auf diese so genannten „Scripted-Reality“-Shows, in denen Laiendarsteller dem Publikum inszenierte Geschichten vorgaukeln. Mittlerweile hat sich die ganze Aufregung gelegt – und Arabella Kiesbauer darf sogar wieder in ihrer alten Sendergruppe antreten.

Kiesbauer gibt in der N 24-TalkSchiene die Frau für das, sagen wir mal, Stammtisch-Thema der Woche. Vor dem Hintergrund, dass erst im vergangenen Herbst Bettina Rust auf Sat 1 mit dem „Talk der Woche“ an die Wand fuhr, ist das durchaus mutig. „Im Fall Bad Reichenhall hätten wir uns zum Beispiel um den Bürgermeister bemüht,“ sagt N24-Chef Torsten Rossmann, der geradezu schwärmerisch von seinem Arabella-Coup berichtet. Rossmann war früher Unternehmenssprecher in der Pro 7 Sat 1-Media-Gruppe, zu der auch N24 gehört. Man kennt und duzt sich. Er habe den Weg von Arabella Kiesbauer aufmerksam beobachtet, sagt Rossmann. Dabei ist er zu dem Schluss gekommen: „Ich sehe sie als eine vielseitige Moderatorin, die ein weit größeres Repertoire hat, als man in Deutschland annimmt."

Das muss Deutschland nur noch kapieren. Arabella Kiesbauer selbst hat sich anlässlich ihres Talk-Comebacks über die Leidenschaft für Arte-Themenabende hinaus einiges überlegt, um ihren persönlichen Reifegrad zu belegen. Das Rezept ist simpel: Sie ist einfach mit der Zeit gegangen. „Die 90er Jahre waren egozentrisch, laut und schrill“, analysiert sie: „Heute ist die Gesellschaft im Umbruch.“ Die vielerorts ausgemachte Rückbesinnung auf Werte, Tradition und Familie habe auch sie persönlich erfahren. „Meine Veränderung geht einher mit der Veränderung der Zeit.“ Große Worte. Darüber hinaus erkennt die angehende Late-Night-Talkerin „zarte Tendenzen im deutschen Fernsehen“ hin zu gehaltvollerem Programm. Übersetzt heißt das wohl: Das deutsche Fernsehen wird wieder besser – und Arabella Kiesbauer kommt zurück. Ob das auch andersherum gilt?

„Arabella Kiesbauer“, 23 Uhr 30, N24

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