Medien : Letzte Ausfahrt Miami

Hollywood hatte David Caruso bereits abgeschrieben. Mit der Serie „CSI“ kam der Erfolg zurück

Rüdiger Suchsland

Eigentlich war er schon weg vom Fenster. Ziemlich genau vor zehn Jahren war es, da gab keiner mehr in Hollywood einen Pfifferling auf David Caruso. Da hatte er gerade eine vielversprechende Fernsehkarriere mutwillig weggeworfen und seine Kinokarriere bereits hinter sich, bevor sie richtig begonnen hatte. „Ich konnte keine Arbeit finden.“ Und weil die alte Boxerweisheit „They never come back“ in der Regel auch für Schauspieler gilt, konnte man Caruso zu den Akten legen. Dachte man.

Aber wenn heute Abend auf RTL die vierte Staffel der Serie „CSI: Miami“ anläuft, und einen langen Fernsehwinter einleitet, ist er wieder da: als Lieutenant Horatio Caine, Chef der „Crime Scene Investigation“-Einheit, und sicherer Leser noch so kleiner, noch so entlegener Spuren wird er die Verbrechensschauplätze in Floridas Metropole entschlüsseln, und mitten im Zentrum der Serie stehen, cool, unangreifbar, aber engagiert, mit grüblerischem Charisma und dem unverarbeiteten Trauma eines toten Polizistenbruders.

Das alles hat man ihm in seine Rolle hineingeschrieben, aber es hat, im Grundsätzlichen, auch einiges mit Caruso selbst zu tun. Man muss ihm nur genau ins Gesicht blicken, dann kann man dort alles ablesen, was ihm im letzten Vierteljahrhundert widerfahren ist: eine Spur von Exzess und ein bisschen Erschöpfung, das Hungrige eines Ehrgeizes, der noch immer nicht völlig gestillt ist, und die Demut desjenigen, der weiß, wie bitter der Staub des Misserfolgs schmecken kann.

50 Jahre ist er gerade geworden, aber noch immer hat er ein Jungengesicht, in dem noch Reste des Newcomers zu erkennen sind, der 1980 seine Schauspielkarriere begann. Und es hatte gut angefangen. Mit kleinen Nebenrollen im Fernsehen, aber schnell auch ersten Auftritten in Kinofilmen. Manche haben Titel wie „Das Geheimnis der fliegenden Teufel“, damit man gleich weiß, dass man nicht zu viel erwarten sollte. Aber auch „Rambo“ ist dabei, „Ein Offizier und ein Gentleman“ und einige Undergroundfilme des New Yorker Independent Abel Ferrara, etwa „King of New York“. New York ist seine Stadt, hier wurde er im Januar 1956 geboren, und im Stadtteil Queens ist Caruso auch aufgewachsen. Von der irischen Mutter hat er die roten Haare, vom italienischen Vater den Namen, von beiden die katholische Erziehung, die er dann auf der strengen katholischen High School von Queens abschloss. Es war ein „anständiges“ kleinbürgerliches Milieu, trotz einiger „Mean Streets“, in denen die Kleingangster ihre ersten Karriereschritte probierten. Bis heute hört man ihm – man muss Carusos Stimme mal im Original hören – die New Yorker Herkunft an, und so kam er auch zu seiner ersten „richtigen“ und vielleicht besten Kinorolle, dem Auftritt an der Seite Robert De Niros in der auch von De Niro produzierten Gangsterkomödie „Mad Dog and Glory“ (1993).

Zu jener Zeit schien alles für ihn wie von selbst zu laufen. Denn nach ein paar bemerkenswerten Auftritten in bereits etablierten Serien wie etwa „Polizeirevier Hill Street“, bekam er eine der Hauptrollen in der damals neuen Serie „NYPD Blue“, schon die erste Staffel wurde zum großen Erfolg, Caruso 1994 für einen „Emmy“ nominiert, und mit einem „Golden Globe“ ausgezeichnet. Doch dann packte ihn die Hybris. Angeblich war es ein Streit über eine Erhöhung seines 35 000-Dollar-Gehalts, aber bestimmt auch ein paar verlockende Hollywood-Angebote – jedenfalls stieg Caruso schon nach einem Jahr aus der Serie aus, und verkündete, er werde von nun an Kinofilme machen. Nicht genug damit, Caruso, dem es offenkundig nicht an Selbstbewusstsein mangelte, missachtete auch das eherne Gesetz, dass man im US-Showbiz nur Erfolg hat, wenn man nichts Schlechtes über die Kollegen und nichts zu Gutes über sich selbst sagt. „,NYPD Blue’ wird keinen Erfolg mehr haben, wenn ich gehe“, verkündete er.

Es begann zunächst vielversprechend: In Barbet Schroeders „Kiss of Death“ und „Jade“ von William Friedkin spielte er 1995 zwei Hauptrollen bei zwei Topregisseuren. Im Rückblick fragt man sich schon, was die Studiobosse bewogen hat, ausgerechnet Caruso als neue Heldenfigur zu besetzen, zu einer Zeit als Bruce Willis, Brad Pitt und noch immer De Niro den Ton angaben.

In jedem Fall floppten beide Filme fürchterlich. Auch im Fernsehen lief nichts mehr, Caruso war plötzlich ein Mann von gestern, einer derjenigen, der dem Märchen vom amerikanischen Traum, dass es jeder schaffen kann, wenn er wirklich will, selbst auf den Leim gegangen ist. Ende der Neunziger eröffnete er mit seiner dritten Frau eine Nobelboutique in Miami, mit der Schauspielkarriere schien es bis auf gelegentliche kleine Nebenrollen vorbei zu sein.

Aber einer erinnerte sich an ihn: CBS Präsident Leslie Moonves. Vielleicht weil er in Miami wohnte, vielleicht weil er eine Kinonebenrolle mit Russell Crowe gespielt hatte – man bot Caruso die Hauptrolle in „CSI: Miami“ an, dem Ableger der beiden anderen „CSI“-Serien, die in Las Vegas und New York spielen. Diese zweite Chance hat Caruso genutzt – und das nötige Glück gehabt. Und auch beim Drumherum spielt er alle Marketingspielchen mit, ohne Allüren wie früher. Nur manchmal sieht man ihm, der in nun über 100 Folgen als CSI-Ermittler so cool, besonnen und überhaupt wahnsinnig seriös wirkt, eine gewisse Unruhe an, die Nervosität einer Spielernatur. Dafür spricht vielleicht auch die Tatsache, dass Caruso inzwischen dreimal verheiratet und auch dreimal wieder geschieden ist, derzeit lebt er in Los Angeles, wo „CSI: Miami“ übrigens zu großen Teilen gedreht wird. Auch heute hält er daran fest, dass man alles aufs Spiel setzen müsse, um als Schauspieler Erfolg zu haben: „Wenn man nichts riskiert, gibt es keine Belohnung.“

Allerdings meint er auch, er wolle die CSI-Rolle so lange spielen, „wie Peter Falk , Columbo’“. Horatio Caine wird uns also erhalten bleiben.

„CSI: Miami“: 20 Uhr 15, RTL

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