Medien : Letzter Ausweg Hungerstreik

„Als der Fremde kam“: Götz George sucht als Gewerkschafter Kampf und Weib

Barbara Sichtermann

Das leise schaurige Drama des Niedergangs alter Industriebetriebe hat die Trendscouts des Fernsehens, die den Stoff von morgen suchen, bislang noch wenig beeindruckt. Wenn der ARD-Film „Als der Fremde kam“ hier eine Wende einleiten könnte, so wäre das ein Grund zum Jubeln. Man muss aber befürchten, dass Fernsehmacher ihr Publikum lieber unterschätzen, indem sie es auf der Flucht vor der Realität begleiten statt bei der Konfrontation mit ihr. Ihre Angst ist, dass die Leute abschalten, wenn ihnen jemand erzählt, wie schlimm die Dinge liegen. Aber es kommt eben immer auf das Wie an. Der neue Film von Andreas Kleinert beweist, dass der sozialkritische Film von heute all das auch besitzt, was angeblich die Märchen für sich gepachtet haben: Herz, Schönheit, Erotik. Aktualität und Spannung kommen dann noch obendrauf.

In Selmkirchen herrscht jene Struktur vor, die am verletzlichsten auf den Wandel reagiert: Es existiert nur ein einziger großer Arbeitgeber. Schon die Opa-Generation hat im Zementwerk malocht, jetzt sind die Väter dran, und die Söhne hoffen auf Lehrstellen. Vergebens. Es gibt zu viel Zement auf der Welt. Das Werk rentiert sich nicht mehr. Eine Fusion steht bevor. Darauf die Schließung. Die Arbeiter wissen das. Aber was haben sie für eine Alternative? In Selmkirchen steht ihr Haus, das noch nicht abbezahlt ist. Hier lebt die Familie. Was wird sein, wenn das Einkommen wegbricht?

Um diese Frage zu beantworten, kommt „der Fremde“ in den Ort, ein Gewerkschafter mit Doktortitel (Götz George), der den Sozialplan aushandeln soll. Mit offenen Armen wird er nicht gerade empfangen. Aber als er eine Idee auspackt, die „die Medien“ nach Selmkirchen locken könnte, einen großen Hungerstreik, hört die Belegschaft ihm zu. Geschickt spiegelt Kleinert die Geschichte des bedrohten Werkes im Los der Familie Wernicke, die den Funktionär bei sich aufnimmt. Auch hier ist alles so, wie es immer war, und deshalb ist es nicht gut. Mathias Wernicke (Christian Redl) schafft im Werk, seine Frau Anne (Dagmar Manzel) in der Kantine, der erwachsene Sohn weiß nicht recht, wohin, und die Oma chattet im Netz. „Der Fremde“ ist seinerseits keineswegs ein Dynamo, er ist sogar ziemlich fertig mit der Welt und säuft heimlich. Aber jetzt hat er eine Aufgabe – „Hier geht es um Menschen“ –, und die will er gut erfüllen.

Dazu gehört natürlich nicht, dass er der Hausfrau den Kopf verdreht. Er macht es auch nicht, es passiert einfach. Wie Kleinert das inszeniert und wie Manzel und George das spielen: eine Annäherung gegen innere Widerstände, das ist große Klasse. Sie ist anfangs so kühl zu ihm, dass man gleich ahnt: Sie wehrt sich dagegen, dass sie eigentlich ganz anders zu ihm sein möchte. Und er ist so hilflos, so abgekämpft, dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als dieses resolute Weib verlangend anzuglotzen. Während Vater Wernicke in der Werkshalle mit seinen Kollegen hungert, fallen die Frau und der Gast sich in die Arme. Wenn je ein Film es geschafft hat, zu zeigen, dass so ein Fall unvermeidlich ist, dann dieser. Das Schicksal des Werks ist (fürs Erste) besiegelt, auch das des Ehepaars Wernicke. Nichts bleibt, wie es ist.

Der Film erzählt seine Geschichte von ausgehenden Lichtern in einem Zementwerk und in einer Arbeiterfamilie ohne Pathos, ganz trocken und einfach, mit Schlupflöchern für humorige Sequenzen und mit einem feinen Stilempfinden. Wenn Musik ertönt, will man sie auch hören. Viele Szenen aber verlaufen ohne Untermalung, sogar ohne Dialoge. Dafür sprechen die Gesichter, die Dinge, die Stimmungen. Davon, dass nichts bleibt, wie es ist.

„Als der Fremde kam“, 20 Uhr 15, ARD

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