Medien : Licht aus, Licht an

Immer neue Eigentümer und immer zu wenig Werbekunden: Das Ballungsraumfernsehen bleibt eine Baustelle

Felix Serrao

Am schönsten ist die Ruhe. Woanders wird die Pizza vor lauter Fernsehstress im Ofen vergessen, hier muss niemand Angst haben, etwas zu verpassen: Die Sendungen laufen immer und immer wieder. „Gut beraten“ etwa werden Zuschauer von TV Berlin allein zwischen 19 Uhr 45 und 23 Uhr 30 vier Mal.

Doch während die Sendungen gemütlich in den Wiederholungsschleifen dudeln, geht es hinter den Kulissen der Ballungsraumsender zu wie im Primetime-Krimi: Zeitgleich mit TV NRW und TV München gingen diesen Sommer auch bei TV Berlin die Lichter aus. Und, wie bei den anderen, gleich wieder an: Anfang Juni war der Hauptstadtsender insolvent, einen Monat später genehmigte die Medienanstalt Berlin-Brandenburg die Übernahme durch Almond Media. Den Medienwächtern gefiel vermutlich, dass die hanseatische Beteiligungsgesellschaft auch bei Hamburg 1 das Sagen hat. Dort schreibt man, untypisch für Lokal-TV, schwarze Zahlen.

Dennoch: Das jüngste Tohuwabohu scheint den Skeptikern Recht zu geben. Schon wieder, lästern viele. Erst vor drei Jahren kamen durch die Pleite des Medienmoguls Leo Kirch bei TV Berlin und andernorts neue Eigentümer ins Haus. Einer, der damals schon dabei war, ist Stefan Trinko, heute Programmchef beim Berliner Lokalsender. Er und seine rund 50 Kollegen scheinen wieder Glück zu haben: Almond Media hat bislang keine Entlassungen angekündigt.

Dementsprechend spricht Trinko über die aktuelle Lage: „Das ist doch ein kleines Wunder, dass wir so glatt aus der zweiten Insolvenz herausgeführt werden.“ Das Programm – eine Mischung aus Lokalem, Service und Boulevard – soll im Großen und Ganzen so bleiben wie bisher, mit einem Schwerpunkt auf Live-Übertragungen, etwa aus dem Abgeordnetenhaus oder von Pop-Spektakeln wie „Energy in the Park“ am 6. August. Das Einzige, was Almond Media sofort gestrichen hat, sind die bisherigen Reality-TV-Formate. „Die Kommune – fünf Frauen und ein Mann“ etwa, mit Polygamie-Prediger Rainer Langhans. Allerdings nicht aufgrund neuer Qualitätsstandards. „Das hat sich einfach nicht refinanziert“, erklärt Trinko.

Michael Altrogge, Geschäftsführer des Medienmarktforschers SAKS media solutions, findet hingegen, dass alle Ballungsraumsender unter demselben Problem leiden: Selbstüberschätzung. „Die haben die Trauben viel zu hoch gehängt“, urteilt er. Für den Mitherausgeber der 2004 erschienenen Studie „Lokal-TV zwischen Programmakzeptanz und Werbemarkt“ sind die Programmschemata von TV Berlin und Co. „völlig verwässert“. Die kleinen Sender träten auf wie die großen. Aber dafür liefern sie nur amateurhafte Moderatoren, C-Promis und Dauerwiederholungen. Anders als auf dem Land, wo Lokalfernsehen als zusätzliches Informationsangebot begrüßt werde, seien die anspruchsvolleren Großstädter, so Altrogge, vom „Klein-Klein“ schnell enttäuscht.

Nächstes Problem: die Werbekunden. Oder besser: die nicht zu mobilisierenden Werbekunden. Deren Media-Agenturen gucken auf die Einschaltquoten der GfK, sonst nichts. Das Nürnberger Marktforschungsinstitut schaut 5640 Haushalten beim Zuschauen zu und rechnet die Ergebnisse dann auf 35 Millionen TV-Haushalte hoch. Lokalfernsehen findet – abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Bayern TV, einem Verbund von 15 Sendern, der zuletzt auf beachtliche 750 000 werberelevante Zuschauer ab 14 Jahren kam – im statistisch irrelevanten Bereich statt. Unfair, findet Altrogge: „Für zielgruppenorientierte Programme und Sender ist diese Art der Erhebung sehr problematisch.“ Fürs Ballungsraumfernsehen sieht er generell eher schwarz: „Die Dinger sind sehr schwierig.“

Siehe TV München: Mit der Kirch-Hinterlassenschaft war ebenfalls im Juni Schluss. Anders als in Berlin sei hier aber gleich der ganze Betrieb mit 65 Mitarbeitern abgewickelt worden, berichtet Trinko von TV Berlin. Sein Sender hatte bis vor kurzem, wegen des gemeinsamen Eigentümers Hanno Soravia, einem öffentlichkeitsscheuen Bauunternehmer aus Österreich, für München mitproduziert. Der Nachfolgesender heißt nun München TV und soll Mitte September mit neuem Programm auf Sendung gehen. Für nähere Auskünfte stand Gründungsgesellschafter Michael Tenbusch, sonst bei Burda Broadcast Media, nicht zur Verfügung. Vielleicht wegen der Vorabberichterstattung? Mit dem aktuellen Programm von TV München sei es „noch nicht weit her“, lästerte die „Welt am Sonntag“. Bislang gibt es 15-minütige Lokalnachrichten- und Boulevardschleifen. Der Rest wird mit Bloomberg-TV gefüllt. Zukunftsfähig sind nach Ansicht des Lokalfernseh-Experten Altrogge von den rund 200 deutschen Kleinsendern nur die, welche in regionalen Verbünden gemeinsame Sendungen produzieren und Werbekunden akquirieren. Wie im Mekka des Lokalfernsehens, Sachsen: 86 Lokal-Lizenzen, 360 Kabelbetreiber, 452 Kabelnetze. „Nach der Wende gab es kaum vertrauenswürdige Medien“, erklärt Mike Bielagk vom Senderverbund Regional Fernsehen (srf), einem Werbeverbund ostdeutscher Lokalsender. Die Betreiber der unzähligen privaten Kabelnetze – von privater Hand schon zu DDR-Zeiten gelegt, um „Versorgungslücken“ zu schließen – hätten bei den Zuschauern einen lokalen „Vertrauensvorschuss“. Bis heute. Die kleinsten Sender bedienen gerade mal ein paar hundert Haushalte. Mit „Bildschirmzeitungen“: eine Seite Nachrichten, eine Seite Werbung. Das Bild wechselt alle dreißig Sekunden, „schön gekennzeichnet“, wie Bielagk betont. In puncto Konkurrenz sind die Dorfsender bescheiden: nicht das große Fernsehen, sondern die kleine Zeitung. Womit wir beim nächsten Sorgenkind wären.

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